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Der erste Weg, der logische Atomismus, versucht im Detail zu verstehen, wie die Grundelemente, die Piktogramme, zusammenkommen und so verbunden werden, dass sie komplexere Elemente, als Ideogramme bezeichnet, bilden. Diese Ideogramme wiederum können Affekte, abstrakte Begriffe und komplexere Konzeptualisierungen repräsentieren. Diese Konfigurationen gehorchen einen „relationalen Logik“, nämlich der Logik der Träume, des Unbewussten, der Übertragung und der freien Assoziation. Avzaradel definiert das Piktogramm mit Haraldo de Campos (1994) unzweideutig als Icon: „Es ist eine Zeichnung, die sich dank ihrer eigenen Charakteristika durch Ähnlichkeit auf das Reale bezieht, wobei diese repräsentative Eigenschaft nicht auf sklavischer Nachahmung beruht, sondern auf einer differenzierten, einem selektiven und kreativen Kriterium entsprechenden Konfiguration von Beziehungen“ (S. 48f.). Mithin versteht Avzaradel Piktogramme als Grundlage der Imagination. Der erforderliche zweite Zugang zum Verständnis von Symbolen beruht darauf, dass sie als Vehikel dienen, die nicht nur denotativ sind, sondern auch expressiv und in der Beziehung zwischen den Subjektivitäten des Patienten und des Analytikers bzw. der Mutter und des Babys konstruiert werden. Hier beruft sich Avzaradel u.a. auf Hanna Segal (1982), die ebenfalls auf die Kommunikationsfunktion von Symbolen verweist. Weil sie aus dieser wechselseitigen Beziehung hervorgehen, kann die emotionale Besetzung, häufig auf poetische Weise, Ausdruck finden. Die Richtung verläuft von der vorsprachlichen zur sprachlichen Welt, beginnt jedoch immer mit der sensorischen Erfassung der Realität, wie schon Antonio Houaiss (2005) feststellte: „[…] so dass die verbale Form als Vektor für Ideen, Emotionen, Sensationen, Intuitionen, Gefühle dienen kann“ (S. 14). Avzaradel konzeptualisiert die komplexen Wege, auf denen die Welt aller Repräsentationen gebildet wird – einschließlich der progressiven Entwicklung des verbalen, zur Konstruktion von Wörtern führenden Denkens. Er betont, dass insbesondere bei der analytischen Arbeit mit Patienten, die signifikante Bereiche psychischer Nicht-Repräsentationen aufweisen, die Konstruktion des verbalen Denkens eine Ad-infinitum-Entwicklung von Signifikanten und Signifikaten voraussetzt, die nicht nur als Bedeutungsträger dienen, sondern diese Bedeutungen auch bereichern, indem sie ihnen eine Farbe geben und den Reichtum verleihen, der die Komplexität des Symbolisierungsprozesses charakterisiert. Vielleicht ist es auch aufschlussreich, Avzaradels Konzeptualisierung des Piktogramms und der Entwicklung der Symbolisierung mit Aulagnier (1975) zu vergleichen, die eine Theorie über die Genealogie der psychischen Repräsentationen ausgearbeitet hat. Aulagnier zufolge besteht ein Unterschied zwischen der Repräsentation der unbewussten Urphantasie und einer ihr vorangehenden Form der Repräsentation, die sie als Piktogramme bezeichnet und mit der primären, d.h. ursprünglichen Psyche in Verbindung bringt. Unter Piktogrammen versteht sie die permanente Form von Repräsentationen, die sich der Sprache entziehen und als Material ausschließlich Bilder physischer Dinge verwenden. Aulagnier wurde durch die Sprache von Psychotikern veranlasst, eine Form der psychischen Aktivität zu
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