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Roussillon definiert die primäre Symbolisierung nicht als eine Wahrnehmungsidentität, sondern als eine Vorstellungsidentität. Die frühe Entwicklung ist nach wie vor Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, die zum Teil auf Säuglingsbeobachtungen beruhen, zum Teil auf dem klinischen Material aus Analyseprozessen. Aus diesen ganz unterschiedlichen Quellen ergeben sich folgende wichtige Erkenntnisse über Symbolisierungsprozesse. Unter Berufung auf zunehmend detaillierte Beschreibungen der frühen Mutter-Kind- Interaktionen wurden verschiedene sensorische Kanäle betont, zum Beispiel Winnicotts „holding“, Lacans Funktion des Blicks , Guerras Konzept des Rhythmus und viele andere. Die sukzessiven Schritte des Symbolisierungsprozesses wurden auch mit Entwicklungsstufen korreliert. Zum Beispiel bringt das kleinianische Modell die paranoid-schizoide Position mit der symbolischen Gleichsetzung in Verbindung und die depressive Position mit der vollentwickelten Symbolisierung. Myrta Casas de Pereda korreliert unter Berufung auf Lacan eine bestimmte Symbolisierungsebene mit den Dimensionen des „Imaginären“ (narzisstisch) und eine andere mit der des „Symbolischen“ (ödipal). Eine solche Korrelierung kann zu Verwechslungen von Unzulänglichkeiten des Symbolisierungsprozesses mit normalen, in den frühen Entwicklungsphasen zu erwartenden Phänomenen führen. Aus diesem Grund ist das Adjektiv präsymbolisch für alles, was in der normalen Entwicklung vor der psychischen Reorganisation während des Ödipuskomplexes stattfindet, zutreffender. Begriffe wie asymbolisch, symbolische Gleichsetzung, nicht-symbolisch, Entsymbolisierung sind dementsprechend zu beschränken auf Unzulänglichkeiten des Symbolisierungsprozesses oder mögliche Regressionen. Die Unterscheidung zwischen Präsymbolischem und Beeinträchtigungen des Prozesses ist sowohl für das Verständnis der Symbolisierungsprozesse als Basis der menschlichen Kultur wie auch für die analytische Behandlung ihrer Unzulänglichkeiten, die in höchst unterschiedlichen Formen Ausdruck finden, relevant. (Der kulturelle Bereich wird in Abschnitt VI, unten, detaillierter erörtert.) Der Wunsch, das breite Spektrum früher Entwicklungsstörungen insbesondere von Kindern oder Erwachsenen mit nicht-neurotischer psychischer Organisation zu verstehen, hat Psychoanalytiker veranlasst, den Symbolisierungsprozess zu erforschen. Ursache seiner Beeinträchtigungen ist starke Angst infolge unzulänglicher psychischer Integration. Diese Ängste wurden als „primitive Seelenqual“ (Winnicott) oder „namenlose Angst“ (Bion) bezeichnet. Auch unverarbeitete traumatische Situationen führen zu Beeinträchtigungen der psychischen Integration und damit zu Unzulänglichkeiten oder Regressionen des Symbolisierungsprozesses. Die Behandlung solcher Patienten stellt Analytiker in der Übertragungs-Gegenübertragungsbeziehung vor spezielle Herausforderungen. Anstelle der Deutungsfunktion bedürfen diese Patienten einer besonderen Fokussierung der Symbolisierungsfunktion, um Deutungen überhaupt als sinnhaltig erleben zu können. Diese Erkenntnisse haben die Theorie der Behandlungstechnik in Lateinamerika und weltweit verändert.
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