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Die Analyse von Patienten mit beeinträchtigter Symbolisierungsfähigkeit setzt laut Roussillon einen Analytiker und therapeutische Fähigkeiten voraus, die eine freie Begegnung in einem sicheren Setting zulassen. Das analytische Zuhören muss auch die nonverbale und oneirische Kommunikation miteinbeziehen, und es ist unumgänglich, die vorherrschende Beziehungskonfiguration (das Kernproblem) herauszuarbeiten, die mit dem psychischen Leiden, das den Patienten veranlasst hat, um Hilfe nachzusuchen, zusammenhängt. Die Art und Weise, wie sich dieses Muster in der Übertragung und in Beziehungen entfaltet, wird von der Dyade analysiert. Villarreal (1998/1999) und Jordán-Quintero (2915; Jordán-Quintero & Villarreal 2019) erläutern, dass Kinderanalytiker sich ihren Patienten selbstredend „in einer erweiterten Weise“ zur Verfügung stellen, das heißt, nicht nur als Person, sondern auch mit dem physischen Raum der Praxis, dem Mobiliar, den Gegenständen und Spielsachen sowie den Stundenplänen, ihrer Kontinuität und ihrem Rhythmus, so dass das Kind die für seine psychische Entwicklung so wichtigen Raum- und Zeitkonzepte konstruieren kann. Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit Beeinträchtigungen der Symbolisierung brauchen den Analytiker in einem umfassenderen Sinn. Dies, so die Autorinnen, ist die einzige Möglichkeit, die Symbolisierungsfunktion der verbalen Kommunikation zu entwickeln.
VI. INTERDISZIPLINÄRE UNTERSUCHUNGEN
VI. A. Gesellschaft, Kultur, Sprache, Kreativität, Kunst
“Wir wissen, daß der Mensch seine Phantasietätigkeit zur Befriedigung seiner von der Realität unbefriedigten Wünsche verwendet.” Freud (1913f., S. 34) Freud entwickelte seine Theorien auch unter dem Einfluss anderer Disziplinen, ohne aber zu ignorieren, dass diese ihre eigenen Gegenstände mit je eigenen Methoden erforschten. Diese interdisziplinären Verbindungen und Anregungen aus Feldern wie der Anthropologie, Sprachwissenschaft, Archäologie, Folklore, Mythologie, Kunst, Literatur usw. ermöglichten zahlreiche fruchtbare Analogien und neue Hypothesen. Die wechselseitig bereichernde Komplementarität kulturgebundener, feststehender (häufig bewusster) Symbole einerseits und wandlungsfähiger, idiosynkratischer (häufig unbewusster) Symbolbildungen andererseits ist in allen Schriften Freuds unverkennbar, so in seinen Arbeiten über Dichter und ihre Phantasien/Tagträume, über Folklore, Mythen, Witze, Psychopathologie des Alltagslebens, Massenpsychologie, individuelles und Gruppenunbewusstes und
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