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natürlich auch in seinen Abhandlungen über kreative Persönlichkeiten wie Dostojewski und da Vinci oder über Moses, Hamlet, Ödipus, Gradiva. Die weltweite Universalität symbolischer Darstellungen männlicher und weiblicher Elemente in der antiken Kunst, in Artefakten und Mythologien der Azteken und Maya, der Griechen, Römer, Asiaten und Araber wurde auch von Angel Garma (1954) unter einem psychoanalytischen Blickwinkel erforscht. Er stellte fest, dass die Unterschiede zumeist Werkzeuge und Techniken betreffen und auf unterschiedliche äußere Bedingungen zurückzuführen sind. Die Verbindung zwischen der sich entwickelnden, auf Trieb und Repräsentanzen beruhenden Theorie Freuds und den kulturellen Hervorbringungen des Menschen war Gegenstand zahlreicher Untersuchungen auch späterer Autoren. Freud konzeptualisierte diese Kulturleistungen als Sublimierung des Sexualtriebs, der im Konflikt mit den verinnerlichten, von der Gesellschaft vorgegebenen Restriktionen verdrängt und auf ein nicht-sexuelles Objekt umgelenkt wird. Die wesentlichen Konturen dieses Konzept blieben ungeachtet der wachsenden Komplexität seiner Theorien erhalten. Obwohl die spätere duale Triebtheorie (Freud 1920g) postulierte, dass beide Triebe, Sexual- und Aggressionstrieb, sublimiert werden könnten (Freud 1930a), schrieb Freud anders als Melanie Klein dem Todestrieb keine ausdrückliche Beteiligung an der Sublimierung zu (siehe auch die Einträge DAS UNBEWUSSTE und TRIEB(E)). Klein versteht die Symbolbildung als eine Verschiebung des gehassten Objekts auf ein anderes und die Kultur als eine Wiedergutmachung für die Zerstörung des mütterlichen Objekts. Kleinianische und postkleinianische Theorien gehen weiterhin davon aus, dass kulturelle Leistungen vorwiegend auf dem Todestrieb beruhen. Gleichwohl sehen andere Analytiker auch die Möglichkeit einer kulturellen Entwicklung, die nicht auf Trieben basiert. Winnicott zum Beispiel verortet die Anfänge der Kulturentwicklung im intermediären oder potentiellen Raum zwischen der Mutter und ihrem Baby und spricht von kultureller Erfahrung als Erweiterung der Übergangsphänomene. Andere Autoren verorten den kulturellen Bereich auf dem Kontinuum zwischen Präsymbolisierung und Symbolisierungsprozessen. So schreibt etwa Ricoeur , die Interpretation archaischer Bedeutungen sei ein Pol des Symbolischen, während der andere Pol sich zum künftigen Auftauchen der Symbolisierung öffne und die Sublimierung diese Symbolisierungsfunktion sei. Im Kontext der lacanianischen Theorie postuliert Berenstein auf ähnliche Weise, dass eine psychische Reorganisation, die a posteriori , nach der Kindheit, stattfindet, eine neue symbolische Ordnung entstehen lassen kann. Es gibt noch einen weiteren, überaus bedeutsamen Aspekt des Beitrags, den die Kultur zur Erweiterung der Symbolwelt des Menschen leistet: Sie lädt den Betrachter ein, mit dem Künstler / der Künstlerin (und seiner/ihrer Kunst) zu interagieren. Ein Kunstwerk regt diejenigen, die es lesen, es betrachten, über es nachdenken usw. an, den vom Künstler initiierten Symbolisierungsprozess aufzugreifen, und zwar auf eine Weise, dass er zu einer Ko-konstruktion wird, zu einem lebendigen, fortlaufenden Prozess. Dieser Bereich ist von den modernen Wissenschaften u.a. unter zahlreichen
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