Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Auf diese Weise erhalten Symbole Bedeutung, […] wir füllen sie mit uns selbst. Der Künstler geht lediglich einen Schritt weiter, indem er die Verbindung von Persönlichem und Gesellschaftlichem in ein neues kulturelles Symbol transformiert“ (S. 46). Alford ist überzeugt, dass Distanz (und vielleicht Ambiguität) notwendig ist, damit Symbole ihre haltende und containende Funktion erfüllen können. In den griechischen Tragödien waren Gewaltszenen auf der Bühne verboten. Gezeigt wurden lediglich ihre Folgen. Die Katharsis, die Reinigung von Mitleid und Furcht, wie Aristoteles die Funktion der Tragödie in seiner Poetik definiert, erfordert internalisierbare Bilder des Verhängnisses, damit das eigene in eine containende Form gefasst werden kann. VII. Ab. Kunst als ein multisymbolisches Zusammenspiel Laut Gilbert Rose (1999) besitzen Künstler die spezielle Fähigkeit, unsere zwei Modi der Realitätswahrnehmung, die im Wesentlichen dem primär- bzw. dem sekundärprozesshaften Modus des Fühlens, Denkens und Wahrnehmens entsprechen, gleichzeitig zu symbolisieren. Die Betonung liegt dabei auf ihrem Zusammenspiel, der gemeinsamen Entwicklung und wechselseitigen Verstärkung. Während viele andere Autoren diesem Aspekt in ihren Schriften über Literatur und bildende Kunst implizit Bedeutung beimessen (z.B. Blum 2011, 2012, 2013; Chessick 2001; Wilson 2003; Papiasvili 2020), rückt Rose die Art dieses symbolischen Zusammenspiels in den Fokus. Diesem Autor zufolge verkörpert sich die doppelte Orientierung der Kunst in den Spannungen und Balancen der bildhaften Form an sich, welche die fluide psychische Erfahrung des Künstlers destilliert und fixiert. Auf sichere Weise fördert die Kunst ein geschärftes Selbstgewahrsein sowie die Vereinigung von primitiven und reifen Selbst- und Objektrepräsentanzen. Indem sie symbolische Wiederholung und symbolisches Wiedererleben ermöglicht, knüpft sie an eine biologische Funktion der frühen Versorgung durch die Mutter an. Ihre haltende Präsenz und ihr Containment zuverlässig ausgewogener Spannung und Entspannung ermöglicht es, dass Affekte sich mit modulierter Intensität aufbauen und somit differenzieren können. Auf der Grundlage zahlreicher historischer Berichte über kreative Werke, die zuerst als visuelle Symbole in Träumen auftauchten (Asimov 1982), sowie psychoanalytischer Schriften, die Träumen eine besondere Beteiligung an der Genese der Kreativität zuschreiben (Freud 1900; Noy 1979), führten Eva Papiasvili und Linda Mayers eine interdisziplinäre psychoanalytische Studie über symbolische Prozesse durch, die unter dem Titel „From dreams to creativity“ erschienen ist (Papiasvili & Mayers 2012/2014). Teil ihrer breiten Untersuchung kreativer Prozesse im gesamten Entwicklungsverlauf ist das progressive transformative Zusammenspiel zwischen Primär- und Sekundärvorgängen und Symbolik (Freud 1960a; Arieti 1980; Rose 1999). Sie unterzogen die im Rahmen des internationalen Kunstwettbewerbs „My Dream“

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