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entstandenen Werke, deren Teilnehmer zwischen drei und 26 Jahren alt waren, einer Prozess- und Inhaltsanalyse, wobei sie mit individuell abgestimmten Interviews, kombiniert mit freier Assoziation, arbeiteten. Als eine komplex motivierte vorbewusste Behandlung eines unbewussten Prozesses (Freud 1960a) konzeptualisierten sie Traumkunst als eine multipel verdichtete Traumdarstellung, die „Bewegung“ als zusätzliche transformative (wechselnde) Perspektive und als Kommunikationseigenschaft enthält, die eine ästhetisch-affektive Reaktion im Betrachter auslöst. Die Ergebnisse zeigten, dass die rudimentäre Sublimierung (kreative Aktivität zur Verarbeitung des inneren Erlebens) und die rudimentär evokativen und kommunikativen Eigenschaften der Traumkunst schon im Alter zwischen dreieinhalb und fünf Jahren in Erscheinung treten. In der frühen Latenz tauchen multiple Perspektiven und (ihre) Verdichtungen erstmals auf und leiten wahrscheinlich Piagets (1929) konkret-operationales Stadium ein. Da der Perspektivenwechsel zuerst im Traum erfolgt, beginnt das präkommunikative Stadium der Kreativität offenbar bereits auf der Ebene des Traumes in der frühen Latenz. All die Voraussetzungen einer vollständigen Produktion bildender Kunst – die Sublimierungsfähigkeit, ein reflektierender „zweiter Blick“, die Konstruktion multipler Perspektiven und Verdichtungen – erreichen ihren dynamischen Ausdruck in der Adoleszenz. Multiperspektivische Panoramaansichten und ein noch komplexeres multi- symbolisches Zusammenspiel ist für die jungen erwachsenen Künstler charakteristisch. Insgesamt gesehen, bestätigte die Studie die hypothetische Vermutung, dass das Auftauchen unbewusster Symbolik des Primärvorgangs dem Auftauchen der bewussten Sprachsymbolik des Primärvorgangs um mehrere Monate vorausgeht (Piaget 1929; Berk 2006; Winnicott 1971; Mahler et al. 1975; Blum 1978; Papiasvili & Mayers 2012). Die Studie ergab zudem, dass sich die psychischen Konstruktionen des Perspektivenwechsels, eine Voraussetzung der Fähigkeit, von analytischen Deutungen profitieren zu können, zuerst im unbewussten nonverbalen symbolischen Bereich und erst danach im kommunikativen symbolischen Bereich entwickelt. Abgeschlossen wird diese Entwicklung erst mit dem Beginn der Adoleszenz. VI. B. Überschneidungen von Kognitionspsychologie und psychoanalytischer Theorie Wilma Bucci (1985, 1994, 1997, 2001, 2005, 2011) beschreibt mit ihrer Theorie multipler Kodierungen drei Ebenen des psychischen Apparates, nämlich das vorsymbolische, das nonverbal-symbolische und das verbal-symbolische System. Das vorsymbolische System umfasst viszerales Geschehen, senso-motorische Aktivität, prozedurales Gedächtnis, implizites Gedächtnis sowie physiologische Ebenen der Emotion. Das nonverbal-symbolische System verarbeitet visuelle Bilder, die in Träumen auftauchen können und mit dem verbalen System verknüpft werden. Das verbal-symbolische System besteht aus verbalem Denken und Sprache und wird vom
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