Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Sekundärvorgang bestimmt. Es unterstützt die Selbstreflexivität ebenso wie das Identifizieren und Regulieren der auf vorsymbolischer und nonverbal-symbolischer Ebene auftauchenden Emotionen. Der Theorie multipler Kodierungen zufolge ermöglichen referenzielle Verknüpfungen die Übersetzung von präsymbolischer Emotion in Bilder und verbale Repräsentationen. Eine der Untersuchungsmethoden ist die Mikroanalyse einer einzelnen Sitzung einer fortlaufenden Behandlung, in der zwei unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden: „Wir sehen die Perspektive des Analytikers auf das Material und die Perspektive des Forschers, der die des Analytikers untersucht. Während beide Perspektiven zwangsläufig partiell sind, werden beide durch ihre Konvergenz bestätigt; diese ermöglicht zudem das Auftauchen eines neuen Verständnisses des Zusammenwirkens von vorsymbolischen und symbolischen Prozessen bei der Arbeit mit dissoziiertem Material im Kontext der therapeutischen Beziehung“ (Bucci 2005, S. 871). Buccis Multiple-Code-Theorie des ubiquitären referenziellen Prozesses zwischen den drei Erfahrungssystemen (dem nonverbal-präsymbolisierten System, den nonverbal-symbolisierten Träumen und dem verbal-symbolischen Bereich) erkennt den zentralen Stellenwert der Emotionen als Bild-Handlung-Schemata an, durch welche die – zuvor dissoziativ oder infolge von Verdrängung blockierten – referenziellen Verbindungen hergestellt werden (Bucci 1997, 2001, 2005). Indem in der Analyse die scheinbar peripheren, flüchtigen Eindrücke von körperlichen Empfindungen und somatischen Zuständen im Prozess der freien Assoziation aufgegriffen werden, können „missing links“ zwischen körperlichen Empfingen, Emotionen und Worten durch Deutungsarbeit (wieder-)hergestellt werden. Psychosomatische Symptome oder Agieren können ihre Ursache in einer fehlenden Verbindung zwischen den Systemen haben. Die Verbindung kann infolge eines Defizits verloren gegangen sein oder durch Abwehrgeschehen (z.B. Somatisierung). Wird die Erinnerung an ein Trauma getriggert, die nicht mit dem symbolischen System verknüpft ist, kann dies zu präsymbolischen somatischen und Arousal-Mustern führen, die nicht symbolisch verarbeitet werden und psychosomatische Symptome, Panikstörung oder Phobien entstehen lassen. Anders als die Modelle Melanie Kleins oder Bions aber, in denen innere Konflikte aufgrund von Aggression eine zentrale Rolle spielen, fokussiert Buccis Theorie primär auf die Rolle traumatischer Erfahrungen, die eine Dissoziationsreaktion triggern und die referenzielle Aktivität beeinträchtigen (Bucci 1997, 2011).

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