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und hub-ähnliche neurale Verbindungen auf einer molekularen Ebene operiert (Alexander, Feigelson & Gorman 2005, S. 137). Schon in den frühen Stadien des intra-uterinen vorgeburtlichen Lebens haben sensorische Erfahrungen Teil an der Bildung eines basalen emotionalen und affektiven Gedächtnisses, eines Eckpfeilers der Organisation früher Repräsentationen (Mancia 2006; LeDoux 1992). Dabei könnte es sich um einen Mechanismus handeln, der eine Brücke zwischen der Neurophysiologie des Gedächtnisses und dem Freud’schen Unbewussten bildet. Darüber hinaus wurden mit der bemerkenswerten Erweiterung des ursprünglichen Konzepts des Unbewussten um „nicht bewusste“ Bereiche andere bedeutsame interdisziplinäre Konvergenzen mit den kognitiven Neurowissenschaften, der Neurobiologie und den Neurowissenschaften postuliert (Bucci 2001). Die ungeheure Fülle an Daten, die in der Gehirnforschung über unbewusste Prozesse und Repräsentationen gesammelt wurden, haben das Verständnis des Unbewussten in der Psychoanalyse beeinflusst und die Vorstellungen vom Übertragungs- Gegenübertragungsgeschehen durch Erkenntnisse über Transformationen durch Traumsymbolisierung, Enactmens und Abstimmung auf die Prosodie der Sprache erheblich verändert (Mancia 2006). Anknüpfend an LeDoux’ (1999) Untersuchungen über das implizite Zusammenwirken der multiplen Gedächtnissysteme bei akut traumatisierten Erwachsenen, haben mehrere Langzeitstudien das Wissen über die neurobiologischen Konsequenzen früher Bindungserfahrungen von früh traumatisierten Kindern und Kindern ohne Traumaerfahrung vertieft (Balbernie 2001; Siegel 1998; Schore 2003). Widrige frühe Erfahrungen mit anschließender neurologischer Schädigung des erweiterten limbischen Systems, dem man heute auch den orbitofrontalen Kortex zurechnet, können zur Folge haben, dass das Kind eine Bandbreite an kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Problemen entwickelt, darunter auch Beeinträchtigungen der Symbolisierungsfähigkeit, die die Anpassung in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter in Mitleidenschaft ziehen und für eine regressive Entsymbolisierung und/oder insuffizientes Symbolisieren bei Stress im späteren Leben prädisponieren (Busch 2017). Die Synapsenbildung und Axon-Myelinisierung setzen sich im orbitofrontalen Kortex bis deutlich ins zweite Lebensjahr hinein fort. Nach dieser Phase der höchsten Neuroplastizität erfahrungsabhängigen emotionalen Lernens behalten die „Arbeitsmodelle“ von Beziehungen ihren Charakter mehr oder weniger bei. Allerdings bleibt der Orbitofrontalkortex lebenslang bemerkenswert neuroplastisch, und es ist möglich, dass eine psychoanalytische Tiefenbehandlung über diesen Pfad einen neurobiologischen Einfluss ausüben kann (Andreasen 2001, S. 331). Die weiterhin andauernde Diskussion über den dynamischen Charakter nicht verdrängter impliziter Erinnerungen hat Implikationen für die klinische Arbeit. Manche Autoren (Clyman, 1991; Fonagy, 1999; Boston Change Process Study Group / BCPSG, 2007) konzipieren die ersten Eindrücke als – dem Fahrradfahren analoge – kognitive
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