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prozedurale Kodierungen des Selbst-mit-der-Anderen. In diesem prozeduralen Sinn verstanden, treten Enactments in der Übertragung auf, weil ein bestimmtes Merkmal der analytischen Beziehung einem bereits abgespeicherten prozeduralen Arbeitsmodell von Beziehung so sehr ähnelt, dass durch Priming – einen automatischen, unmotivierten Prozess – das prozedurale Beziehungsmuster aktiviert wird. Veränderung kann durch „Begegnungsmomente“ erzielt werden, die nicht zwangsläufig deutbar sind. Während in Shevrins dynamischem Paradigma unbewusste Absichten und Erwartungen zu bestimmen helfen, wie und was erinnert wird, erfolgt ein „Abruf nie einfach automatisch und unmotiviert“ (Shevrin 2002, S. 137). Shevrin ist vielmehr der Ansicht, dass „prozedurale Erinnerungen“ zwar weder verdrängt noch unbewusst symbolisiert werden, aber auch nicht inhärent automatisiert sind, sondern mit jedem Abruf in der Übertragung dynamischen und konfliktbedingten Modifizierungen unterliegen. Diese Sichtweise ist nicht nur mit dynamischen Konzepten der psychischen Zeitlichkeit und einem freudianischen Verständnis der Nachträglichkeit und der Deckerinnerungen vereinbar, sondern auch mit den breiter definierten modernen freudianischen und objektbeziehungstheoretischen Erklärungen von Übertragungs-Enactments als subsymbolische, aber „symbolisierbare“ und folglich deutbare Phänomene (Ellman 2008). Der Unterschied zwischen den beiden Interpretationen der neurowissenschaftlichen Funde hängt offenbar mit der fehlenden bzw. erfolgenden Einbeziehung des dynamischen Zusammenspiels der inneren Repräsentanzenwelten zusammen, einem Charakteristikum der psychoanalytischen Perspektive. Ellman (2008) schreibt unter Berufung auf Freud (1915e), dass die ersten Repräsentationen als Sachvorstellungen ohne Symbolwert kodiert werden. Sachvorstellungen sind zwar nicht-symbolisiert, können aber als basale Motivatoren komplexer Reaktionen auf Konflikte dienen. Diese theoretischen Formulierungen stimmen ebenso wie Shevrins psychoanalytische Interpretation der neurowissenschaftlichen Untersuchungen von Fabiani, Stadler, Wessels (2000) über „wahrheitsgemäße Erinnerungen“, die eine „sensorische Signatur“ hinterlassen, mit der klinischen Beobachtung überein, dass die frühesten, präsymbolischen Lebenserfahrungen und -ereignisse durch psychoanalytische (Re-)Konstruktionsarbeit mit sprachlicher Prosodie, Träumen, Phantasien und Übertragungs-Enactments symbolisierbar gemacht werden können, was insbesondere für Patienten mit posttraumatischer Symptomatik relevant ist (Mancia 2006; Papiasvili 2014, 2016).
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