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VII. Dba. Neurobiologie symbolischer Enactments frühester Traumata im Spiel Theodore Gaensbauer (2011) untersuchte traumatische Erfahrungen aus den frühesten präverbalen Lebensphasen, die im Spiel reinszeniert wurden. Ein auffälliges Merkmal des Reinszenierungsverhaltens in der frühen Kindheit besteht darin, dass manche Kinder, die in der präverbalen Phase traumatisiert wurden, offenbar in der Lage sind, Monate oder sogar Jahre nach dem Trauma in Handlungen oder symbolischem Spiel ihre traumatische Erfahrung auszudrücken, über die laut Auskunft ihrer Bezugspersonen nie mit ihnen gesprochen worden war (Gaensbauer 1995, 2000, 2002, 2004). Charakteristisch für solche Reinszenierungen des Traumas ist auch, dass die Kernthemen im Laufe der Zeit zwar unverändert bleiben, die Reinszenierungen aber keine exakten Nachbildungen dessen, was das Kind erlebt oder miterlebt hat, darstellen. Auch wenn es eine angeborene Gruppe programmierter neuronaler Leitungsbahnen zu geben scheint, die das Kind prädisponieren, sein Erleben innerlich zu repräsentieren und im Verhalten wiederzugeben, operieren diese neuronalen Leitungsbahnen nicht isoliert von anderen Gehirnregionen; zudem werden dem Gehirn diese Leitungsbahnen nicht lediglich passiv aufgeprägt. Innerhalb der durch das traumatische Erleben geprägten perzeptiv-kognitiv-affektiv-sensomotorischen Schablonen können die spezifischen Formen, die traumatische Reinszenierungen annehmen, hochvariabel oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet, hochkreativ sein. Sie können auf mannigfaltigen Leitungsbahnen Ausdruck finden (in unterschiedlichen sensorischen Modalitäten, durch Verhalten, symbolisches Spiel mit Spielsachen usw.) und unterschiedliche Perspektiven widerspiegeln (erste vs. dritte Person). Solche Schablonen können sich auflösen und nur unvollständig Ausdruck finden, einzelne Elemente (einschließlich solcher, die nicht Teil der ursprünglichen Erfahrung waren) können hinzugefügt werden, andere können wegfallen, und je nach Zeitpunkt können unterschiedliche Aspekte betont und/oder Zweck oder Ziel der Handlungen durch unterschiedliche Mittel erreicht werden. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, wird sich eine traumatische Erfahrung in Form einer extrem ausgeprägten Beschäftigung mit traumatischen Themen wie Gewalt oder Tod manifestieren oder einen eher symbolischen Ausdruck finden, wenn das betroffene Kind einen Clown mit spitzen Zähnen statt mit einem Messer in der Hand malt. Diese Fähigkeit, die internalisierten Elemente einer traumatischen Erfahrung kreativ neu zu arrangieren oder mit ihnen zu „spielen“, bahnt therapeutischen Interventionen den Weg, auch wenn solche Neuarrangements außerhalb der bewussten Wahrnehmung stattfinden. Die schon für das früheste Säuglingsalter nachgewiesenen Fähigkeiten der transmodalen Verarbeitung, Integration und Expression, die Meltzoff und Moore (1977, 1994) mit ihrem Konzept „supramodaler“ Repräsentationen erfassen, Damasio (Damasio & Meyer 2008) mit seinem Konzept der „Konvergenz-Divergenz-Bereiche“ und Iacoboni (2008a, 2008b) mit seinem Konzept der „Superspiegelneuronen“,
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