Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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VI. Dd. Integration symbolischer Ebenen des psychischen Geschehens mit der Neurobiologie Otto Kernbergs (2012, 2015) integrativer Ansatz konzeptualisiert Libido und Aggression als komplexe Organisationen auf einer Symbolisierungsebene des erfahrungsgestützten Motivationsverhaltens, das sich klinisch in positiv und negativ besetzten, fokussierten Motivationen und Konflikten äußert und das psychische Geschehen auf dieser symbolisierenden Ebene auf eine Weise organisiert, die der integrierenden Organisation sekundärer Affektsysteme unter dem Einfluss des SEEKING-Systems ähnelt, die Wright und Panksepp (2012) auf einer neurobiologischen Ebene beschrieben haben. Parallel zur komplexen Integration basaler neurobiologischer Funktionen, z.B. distinkter Affektsysteme, in komplexere Affektorganisationen führt eine ähnliche Organisation phänomenaler erfahrungsgestützter Entwicklungen auf einer rein symbolischen Ebene zur hierarchisch übergeordneten Integration sämtlicher positiver intrapsychischer und objektbezogener Erfahrungen. So organisiert sich einerseits die Libido als Leben und Lust organisierendes Motivationssystem und andererseits die Aggression als negatives, destruktives und selbstdestruktives Motivationssystem auf der Grundlage aller aggressiven und selbstdestruktiven internalisierten Objektbeziehungen. Kernberg versucht, seine Hypothese anhand der beiden von Wright und Panksepp (2012) beschriebenen klinischen Erkrankungen, Sucht und Depression, zu illustrieren. Im Falle der Sucht kann ein hypertrophes Funktionieren des SEEKING- Systems in Verbindung mit der erlernten Suche nach der durch eine spezifische Droge vermittelten Lust mit einem schweren Verfall der Objektbeziehungen im Kontext einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur einhergehen. Die dafür typische Entwertung anderer, die Suche nach sexuellen Beziehungen als Abwehr gegen unbewussten Neid und die Ersetzung der schwindenden sexuellen Lust durch die Droge laufen auf eine selbstdestruktive wechselseitige Verstärkung des überaktiven SEEKING-Systems und einer defensiven Charakterkonstellation hinaus, welche die unbewusste Dynamik von Neid und Entwertung widerspiegelt. Was die Entwicklung einer schweren Depression betrifft, so kann die genetische Disposition für eine durch Verlassenheitserfahrungen ausgelöste Hyperaktivität des PANIC/FEAR-Systems mit einem anormal strengen und strafenden Über-Ich – einer Konsequenz der Internalisierung sadistischer, prohibitiver Elternimagines – interagieren. Die Folge sind extreme internalisierte Verlassenheitsgefühle aufgrund pathologischer Schuldgefühle. Genetik, Primär- und Sekundärvorgang und Druck aus intrapsychischen Strukturen und komplexen symbolischen Organisationen können einander beeinflussen.

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