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Birsfelder Anzeiger

Freitag, 10. September 2021 – Nr. 36

Wenn sich die Theaterbühne

Kultur

in eine Boxarena verwandelt Nächste Woche steigt im Roxy eine Aufführung, die keine Botschaft, sondern eine einmalige Erfahrung fürs Publikum bereithält.

Von Nathalie Reichel

Wer am kommenden Donnerstag nach der Aufführung «The Cere- mony of Weight» aus dem Theater Roxy läuft, soll idealerweise mit Boxen anfangen oder das Buch «Selbstverteidigung» von Elsa Dor- lin lesen wollen. Zumindest wenn es nach der Regisseurin Julika Mayer geht. «Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen aufgewühlt, bewegt, gestärkt vom Gesehenen und Miterlebten das Theater ver- lassen», sagt sie. Der Zweck der Aufführung sei kein theaterpäda- gogischer. Das heisst, das Stück hat gar keine klare Botschaft zu über- mitteln. Es soll vielmehr «Nahrung für die Seele» sein. «The Ceremony of Weight» wurde zuvor noch nie vor Publikum aufgeführt. Die Performance im Roxy am 16. September, die im Rahmen des Internationalen Basler Figurentheaterfestivals (Baff) über die Bühne gehen wird, ist somit zu- gleich die Uraufführung. Produzent Rafi Martin reiste mit Regisseurin und Team dafür diese Woche aus Stuttgart an. «Im Roxy waren wir vorher noch nie», sagten sie amWo- chenende noch zum Birsfelder An- zeiger, «die einzelnen Elemente der Performance werden dann erst vor Ort zusammengefügt.» Ursprünglich kein Solo Die einzelnen Elemente? Die rund 50-minütige Performance besteht aus zwei Teilen, einer Solo-Perfor- mance auf der Bühne und einem Film. Beides sei noch am Entstehen, sagte Rafi Martin noch vor seiner Anreise in die Schweiz. Da aus un- terschiedlichen Gründen einige Per- formerinnen und Performer nicht vor Ort sein können – das Stück war ursprünglich als Ensemble- und nicht als Soloauftritt geplant – habe man nach Lösungen gesucht. Und so entstand die Idee, sie in einem Film auftreten zu lassen. Hinzugekom- men ist Rafis Martin Verletzung während der Probe, sodass nun Li Kemme seinen Auftritt übernimmt. Doch der Reihe nach. Alles hat angefangen, als sich der 32-jährige Rafi Martin vor ein paar Jahren im

Noch befinden sich Körper und Boxsack im Gleich­ gewicht, doch das kann sich ganz schnell ändern. Foto Erich Malter / Internationales Figurentheaterfestival

queeren Boxverein «Box Girls» in Berlin einschrieb. Die Praxis, mit der er dort in Berührung kam, habe vieles in seinem Körper und Kopf bewirkt: «Ich erfuhr, was der Kör- per machen muss, wenn er Kraft und Gewalt ausgesetzt ist: nämlich einerseits Widerstand leisten und andererseits Kraft austeilen.» Für eine Gruppe mit weiblich soziali- sierten Teilnehmerinnen sei es aber nicht immer einfach, gewisse Bewe- gungen – zum Beispiel Schläge – auszuführen. Die Reflexion dieser Praxis im queeren Kontext beeindruckte Rafi Martin, und zugleich veränderte sie ihn: «Ich habe mich in meinem Le- ben noch nie so stark gefühlt wie beim Boxen.» Die Lektüre von Elsa Dorlins «Selbstverteidigung» run- dete Rafi Martins neue Erfahrung ab. Und genau diese wollte er auf die Bühne bringen. Mit einem Pub- likum teilen. Das Setting auf der Bühne sieht also folgendermassen aus: ein 37

Kilogramm schwerer Boxsack, der über Umlenkrollen an einem quee- ren, wie Rafi Martin im Konzept festhält, Körper hängt. Mehr nicht. Die Konstellation basiert auf Ge- wicht und Gegengewicht, auf Ak- tion und Reaktion, item: auf gegen- seitige Existenz. Stetige Gewichtsverlagerung Doch was auf den Bildern zunächst simpel aussehe, könne sehr gefähr- lich werden, betont Rafi Martin und erinnert an seine Verletzung: «Der Boxsack kann dem Körper erlauben zu fliegen und in der nächsten Sekunde sein grösstes Hindernis sein.» Der Fokus liege dabei auf die stetige Gewichtsver- lagerung vom Zentrum zur Peri- pherie und umgekehrt. ImZuge der Performance könne sowohl Box- sack als auch Körper die Rolle des Subjekts respektive Objekts ein- nehmen, sodass diese sich stets ge- genseitig animieren. Gesprochen wird auf der Bühne nicht. Rafi

Martin und Julika Mayer setzen ganz auf die visuelle Bühnenspra- che. Der Film – kein dokumentari- scher, sondern ein experimenteller mit mehreren Kurzporträts von Kampfsportlerinnen und Kampf- sportlern – wird nach der Solo-Per- formance und nicht parallel dazu gezeigt. Er solle mit demAuftritt in Resonanz treten, erklärt Julika Mayer. Sowohl Solo als auch Film werden musikalisch begleitet. Hormonschub, sinnlich, schwit- zend – mit diesen drei Stichwörtern beschreiben Rafi Martin und Julika Mayer, die nicht zum ersten Mal zusammenarbeiten, das Stück «The Ceremony ofWeight». Zueinander gefunden haben sie vor einigen Jah- ren an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart – er als Student, sie als Professorin. Dabei kommt Rafi Martin als Sozio- loge, Anthropologe und Geschlech- terforscher ursprünglich aus einer eher normativen Ecke. «Diese Aus- drucksweise entsprach mir aber nicht und so bewarb ich mich für die Studienrichtung Figurentheater in Stuttgart», sagt er und ergänzt be- geistert: «Ich konnte mich mein Le- ben lang noch nie so gut ausdrücken wie auf der Bühne.» Ob die beiden imHinblick auf die anstehende Erst- aufführung in Birsfelden nervös sind? «Noch nicht», sagen sie beide, «das kommt erst noch!»

Julika Mayer und Rafi Martin konzipierten zusammen «The ceremony of weight» und werden am 16. September

«The Ceremony of Weight» Von Rafi Martin und Julika Mayer: Donnerstag, 16. September, 19 Uhr. Theater Roxy, Muttenzerstrasse 6, Birsfelden. Im Rahmen des Baff. Eintritt: 15 Franken.

zu Gast im Roxy sein. Foto zVg

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