Toskana-Renaissance | 2018

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deutlich stärker unseren Charakter und die wachsen hier prima.” Später in den Weinbergen wird uns Michele zeigen, wieviel Spaß BioDyn-Weinbau machen kann. Auf einem Gaskocher steht ein alter verbeulter Topf in dem ein Präparat vorsichtig erwärmt wird. Auf seinem Quad hat Michele eine große Milchkanne und ein paar Sprühdüsen installiert, damit fährt er dann mit einem abenteuerli- chen Tempo durch die Rebzeilen und in jeder Kurve stellt er das Gefährt lachend auf zwei Räder. “War der früher mal Rennfahrer”, frage ich. “Nein”, meint Ginevra, “aber…, wie sagt man… Baywatch…” In einem anderen Weinberg steht Vincenzo und schneidet die überzähligen Triebe mit einer alten Handsense ab, die er immer wieder lässig in den Gürtel hängt. Er nickt freundlich, aber da die Reben wegen des vielen Regens im Mai wie wild austreiben, lässt er sich nicht in seiner Arbeit beirren. Vincenzo ist vielleicht Ende 70, vielleicht auch älter. “Auch schon länger dabei…” frage ich. “Seine Familie arbeitet seit dem 16. Jahrhundert auf Ghizzano”, meint Ginevra und Luciana ergänzt, “wir sind eben ein gutes Team.” Ich bin etwas verwundert, dass auch die jüngeren Arbeiter im Weinberg die gleiche Sense verwenden wie Luciano, aber das scheint gut und schnell zu gehen. “Willst du auch mal probieren?” Das Ding sieht scharf aus, mit Küchenmessern kenne ich mich ja aus, aber mit Sensen? Ich lasse also lieber die Finger davon. Wir besuchen noch einen Nachbarn von Ginevra. Theo sammelt Trüffel und da er sie ausschließlich auf dem Land von Ghizzano sammelt und dort alles Bio zertifiziert ist, sind das auch zertifizierte Bio-Trüffel, die Ersten Italiens. Er verkauft sie frisch und verarbeitet sie auch weiter zu Trüffelöl oder Crème. “Ginevra hat mich auf die Idee gebracht”, erzählt Theo “und mir dann auch bei der Zertifizierung geholfen.” In der kleinen Dorfbar, in der wir auf einen Espresso einkehren, werden wir lächelnd begrüßt, als gehörten wir längst zum

ESSENS BEGLEITER

NOREEN RUDOLPH

Klar, nach dem großartigen Erfolg des Brunello wollte jeder solche Weine machen. Aber das ist nicht wirklich Ghizzano, und so hat man nach und nach einen eigenen Stil entwickelt. Finessenreicher, mit einer gewissen italienischen Leichtigkeit, aber auch Schmelz und der typischen Säure der Sangiovese. Vor allem die Jahrgänge 2015 und 2016 zeigen, wie großartig diese Weine sein können und der schwierige 14er beweist, dass Bio-Anbau in manchen Jahren, mit denen der ein oder andere konventionelle Winzer seine Probleme hat, erstaunliche Weine ergeben kann. “Wer bestimmt den Stil von Ghizzano?”, fragen wir. “Alle Winzer sagen eigentlich immer der Boden”, meint Michele lächelnd, “aber das stimmt natürlich nur zum Teil. Das Team muss natürlich eine Idee haben und wenn die mit dem, was der Boden und Landschaft hergeben, übereinstimmt, dann kann ein großer Wein entstehen.” “Schaut mal, wir sind fast alle seit 1999 dabei”, ergänzt Luciana, “es hat bei uns kaum Wechsel gegeben und alle sind wir aus dem Ort und seiner direkten Umgebung. Das ist doch auch so eine Art Terroir…” Wir probieren den 15er Nambrot, der uns etwas wilder und ungestümer vorkommt als ältere Jahrgänge. “Ja, das war früher fast reinsortig Merlot, mittlerweile haben wir da mehr Petit Verdot und Cabernet Franc drin, jeweils so 20 %, die geben dem Wein

» ICH DENKE, AUTHENTISCHER KANN SICH EIN ROTER AUS DER TOSKANA NICHT ZEIGEN. DAS IST UR- WÜCHSIG UND DABEI SOOO FEIN... «

Team. Den Espresso zahlen? Kommt gar nicht in Frage, wir sind doch Gäste von Ghizzano. Das ist der Geist von Ghizzano, der versucht, dieses einzigartige Fleck- chen Erde zu erhalten. Wir fahren zusammen über einen löchrigen Schotterweg hoch nach Castelfalfi, jener seltsamen Mischung aus Toskana-Feeling und Disneyland. Vom alten Burgberg aus hat man einen wunderbaren Blick auf Ghizzano und die sanften Hügel der Colline Pisano. Die Sonne geht unter, vom Gewitterregen dampfen die Wiesen und die Zypressen stehen wie alte Säulen in die Landschaft getupft. Das ist so unglaublich toskanisch, dass es irgendwie befremdlich wirkt. “Das ist doch sicher nicht echt…” sage ich zu Luciana. “Nein, natürlich nicht. Das ist eine Fototapete, die nehmen wir wieder ab, wenn die Touristen weg sind.” —

» ALLE SIND WIR AUS DEM ORT UND SEINER DIREKTEN UMGEBUNG. DAS IST DOCH AUCH SO EINE ART TERROIR … « L u c ia n a L isi

2017 IL GHIZZANO BIANCO Tenuta di Ghizzano, Toscana

2016 IL GHIZZANO ROSSO Tenuta di Ghizzano, Toscana

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Die ersten Weine, die im Mittelalter mit einzelnen Regionen der Tos- kana, beispielsweise dem Chianti, in Verbindung gebracht wurden wa- ren offensichtlich weiß. Sie müssen also höchstes Ansehen genossen haben. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so abwegig in der Toskana Weißweinreben anzubauen. Das hat sich sicher auch Ginevra gedacht und in den letzten zehn Jahren einige geeignete Weinberge mit den typischen weißen Rebsorten der Region bestockt: Trebbiano, Vermen- tino und Malvasia Bianca. Herausgekommen ist ein großartiger Be- gleiter zu italienischen Antipasti. Er ist frisch, aber mit einer verhalte- nen Säure, die angenehme Fülle und das perfekte Steinobst treffen auf eine markante Kräuterwürze. Ein echtes Fest für die Sinne! Wenn man bedenkt, wie aufwendig gearbeitet wird (biodynamischer Anbau, man belässt den Saft bis zu zwölf Stunden auf den Beerenhäu- ten, arbeitet nur mit Spontanvergärung) und wie komplex der Wein ist der dabei entsteht, ist der Bianco von Ghizzano ein echtes Schnäppchen. 8 – 10 °C 31310-17 0,75 l jetzt bis 2021 1l = 15,87 € statt 13,50 € 11,90 €

“Was ist dein Lieblingswein?” fragte Michele nachdem wir uns durch die Weine von Il Ghizzano verkostet hatten. “16er Il Ghizzano Rosso”, konnte ich ohne langes Nachdenken antworten. Lächeln, aber auch et- was Verwunderung. “Ist doch ganz einfach”, meinte ich, “Sangiovese und etwas Merlot machen ja viele mittlerweile, aber es so hinzubekom- men, dass der Merlot die Sangiovese überhaupt nicht maskiert, ihr nicht dieses herrlich widerspenstige Toskanische nimmt ist toll. Dann hat er etwas frisches ohne die kratzige Säure, die die Sangiovese ja mal gerne hat. Erinnert an Burgund, nur mit diesem großartigen italieni- schen Hedonismus. Den kann man eigentlich zu allem trinken, was die toskanische Küche hergibt und bei jedem Schluck ruft er einem zu: Hey, das Leben ist schön. Trink mich, sei glücklich.” Für das Geld eine kleine Sensation. Dunkle Waldbeeren und Schwarzkirschen treffen auf zarte Würzigkeit, ein Fest für die Sinne, frische, aber sehr elegante Säure, feine Tannine, sehr lebendig, wird gut reifen, notierten unsere Sommeliers – so kann man es auch sagen. 14 – 16 °C 30283-16 0,75 l jetzt bis 2022 1l = 15,87 € statt 13,50 € 11,90 €

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1. | VINCENZO 2. | GARTEN VON GHIZZANO

Rotwein

Weißwein

Biowein

Limitiert

Stark limitiert

SEPTEMBER 2018

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