Toskana-Renaissance | 2018

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800 vor Christi zurück”, ergänzt der Wissenschaft - ler, “eine etruskische Siedlung mit Wehranlage, strategisch sehr günstig gelegen an der höchsten Stelle der Region…” Der Hügel ist sehr lange bewohnt gewesen. Erst im Mittelalter scheint man ihn zugunsten des nahen Klosters aufgegeben zu haben. “Im Brunnen haben wir ein große Menge Traubenkerne aus etruskischer Zeit gefunden”, erzählt Emanuela, “man hat damals wohl Trauben geopfert damit er nicht versiegt. Die Kerne sind jetzt zur Untersuchung im Labor, wir wollen wissen was für Reben das waren und ob sie mit heutigem Rebmaterial verwandt sind.” “Das war sozusagen der Ur-Chianti”, scherze ich. “Nicht so ganz falsch, denn in einer alten Urkunde die wir auf Coltibuono entdeckt haben wird der Masselone, der unten durch Gaiole fließt, mit einem Wort bezeichnet, das ähnlich klingt wie Chianti. Man vermutet, dass das auf etruskische Wurzeln zurückgeht und auch der Name für die Region um Gaiole war. Aber ich befürchte, die Etrusker haben hier weiße Trauben angebaut.” Sie lächelt, zuckt mit den Schultern und wir steigen den Berg wieder herunter. Die Weinkellerei liegt weiter im Süden, hinter Monti, dem kleinen Ort der dieser Region des Chianti Classico den Namen gegeben hat. “Wir sind froh, dass wir hier vor 20 Jahren die Kellerei bauen und dem Wein so ein neues Zuhause geben konnten,” erzählt Emanuela. “Früher, zur Zeiten der Mezzadria wurden ja die Weine auf den verschiedenen Höfen bereitet und dann der Anteil für den Verpächter oben auf die Badia geschafft und da gelagert.” Der Bau erinnert ein wenig an eine mittel - alterliche Trutzburg, aber ist natürlich eine moderne Kellerei. “Ja, da oben kommen die Trauben rein und da unten gehen die Flaschen raus”, sagt sie freundlich und zeigt unbestimmt mit den Händen auf die modernen, puristischen Anlagen, “und den Rest dazwischen kennt ihr ja…” Sehr gut, auf unseren Reisen hören wir manchmal zwanzig Mal pro Woche, wie der Weinbereitungsprozess funktioniert und irgendwie ist es immer wieder erstaunlich. So viele Unterschiede gibt es da gar nicht. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Weinberg einen enormen Einfluss hat. Daher fahren wir auch direkt weiter in die Weinberge. Das Gelände südlich der Kellerei, wo die Weinreben stehen, ist sanft gewellt und der Boden besteht aus Tonlehm und Kalkstein. “Seit 1985 wurden hier keine Herbizide und Insektizide mehr verwendet, 1988 haben wir dann begonnen, fast alle Weinberge zu erneuern. Von Massenklonen auf Qualitätsträger. Abgeschlossen ist das immer noch nicht.” Wir gehen auf einen Weinberg zu, der gerade neu gepflanzt worden ist. Ein kleiner Hügel mit wunderbarer Sicht auf die Umgebung. “Ja”, sagte Emanuela, “Schlimm, die besten Weinberge haben auch immer die schönste Aussicht…” Seit 2000 sind alle Weinberge von Badia a Coltibuono auch biologisch zertifiziert. “Mein Bruder hat in Davis in Kalifornien studiert, das war die Wiege der Bio-Bewegung in den USA. Als er wieder zurückgekom- men ist, war sofort klar, das machen wir auch. Es sind ja viele kleine Schritte, die unsere einmalige Natur erhalten.” Großes Aufhebens davon hat man eigentlich nie gemacht, irgendwann war einfach das Biosiegel auf der Flasche. Fertig.

MARCO LINDAUER

BEWERTUNG

1. | BADIA A COLTIBUONO

» ICH MAG VIELE WEINE, ABER VOR ALLEM DIE, DIE SICH SELBST UND DEM STIL EINER REGION UND DEREN REB- SORTEN TREU BLEIBT, EGAL WAS DIE MODE GERADE RÄT. DIESE RISERVA IST SO EIN WEIN. «

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3 GLÄSER Gambero Rosso

» DIE BESTEN WEINBERGE HABEN AUCH IMMER DIE SCHÖNSTE AUSSICHT… « E ma n u el a S t u c c h i

“Hier steht hauptsächliche Sangiovese, aber auch etwas Canaiolo, Colorino, Ciliegiolo, Mammolo, Fogliatonda, Pugnitello, Malvasia Nera, Sanforte. Alles alte toskani- sche Reben.” “Merlot, Cabernet, Syrah”, fragen wir. “Nooo”, ist die Antwort. Man hat sich auf die einheimi-

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schen Rebsorten spezialisiert und experimentiert da höchstens mit einigen älteren und in Vergessenheit geratenen Sorten. Vielleicht ist diese Authentizität auch das, was die Weine aus Coltibuono immer so ein wenig gewöhnungsbedürftig macht. “Alle Winzer sagen ihre Weine brauchen Zeit”, meint Emanuela Stucchi, “aber je mehr man auf die Sangiovese setzt desto eher stimmt das. Sie ist nun mal etwas spröde am Anfang, aber irgendwie dann doch unvergleichlich. Außerdem brauchen unsere Weine unbedingt was zu essen dazu. Pasta, Prosciutto, Formaggi…” und schon holt Emanuela einen Picknickkorb aus dem Panda. Wir setzen uns unter einen Baum an den Rand des Weinbergs und machen ein spätes Frühstück mit Salami, Lardo & Co. Natürlich von Schweinen, die oben im Wald in einem großen Freigehege nach Eicheln suchen dürfen. “Cinta Senese, eine alte Rasse die langsam wächst und die man nur im Freiland halten kann. Zum Glück gibt es immer mehr Leute, die sie wieder halten. War vom Aussterben bedroht.” Emanuela erzählt uns, dass sie schon für Robert Wilson auf der Opernbühne gestanden und für Fellini Theater gespielt hat: “Der hat mir eine blonde Perücke aufgesetzt. Eine seiner großartig schrägen Ideen.” Aber irgendwie geht es immer wieder zurück in die Toskana und zum Chianti. “Das ist unser Erbe”, sagt sie beiläufig und es ist schön zu wissen, dass etwas, das für uns das Besondere darstellt, etwas ganz Normales sein kann. Zum Picknick aber gibt es statt Sangiovese Wasser, da wir nachher noch einige Kilometer über die kurvigen Straßen des Chianti fahren müssen. Emanuela fragt nicht einmal nach, ob wir Wein wollen, “da habt ihr ja zu Hause genug von,” sagt sie fröhlich lächelnd. Irgendwie versteht sich hier alles von selbst. —

2015 CHIANTI CLASSICO Badia a Coltibuono, Toscana

2013 CHIANTI CLASSICO RISERVA Badia a Coltibuono, Toscana

“Mit Sangiovese gibt es keine einfachen Jahre”, sagt Emanuela Stucchi lachend, “die Rebsorte ist halt ein wenig wie wir…” Aber einfach kann ja auch jeder. 2015 war es die Kunst, eine gute Balance zwischen Fri- sche und Konzentration herzustellen. Bei den immer etwas schlanke- ren und frischeren Weinen von Coltibuono hat das ziemlich perfekt geklappt. Feines Bouquet von Schwarzkirschen, Orangenschalen und süßen Ge- würzen. Auch am Gaumen elegant und feingliedrig. Die dezent herbe Frucht ist klar und reif, wird von einer fantastischen Frische begleitet, die richtig Spaß macht und wundervoll animiert. Herrlich! Im langen Nachhall dann weich und mild. So geht authentischer Chianti Classico.

“2013 war eines dieser Jahre wo man bis Anfang September gar nicht richtig wusste, was dabei rauskommt,” erzählt Emanuela, “aber dann kam nach der großen Hitze im Sommer ganz schnell ein eher kühler Herbst und wir konnten den Erntezeitpunkt noch etwas rauszögern. Das war gut für die Balance der Weine.” So ist ein echter Klassiker ent - standen. Sangiovese und ein wenig der anderen drei lokalen Rebsorten Canaiolo, Ciliegiolo und Colorino ergeben einen absolut toskanischen Wein. Komplexes Bouquet mit eindringlicher Würze im Zusammenspiel von Sauerkirschen, getrockneten Feigen, Herbsttrompeten, schwarzem Tee und südlichen Kräutern. Im Geschmack dann überraschend frisch, gaumenfüllend saftig und ungemein lebendig. Die fein geschliffenen Tannine kehren als Bitterschokoladenaroma am Gaumen wieder. Bleibt lang und mit minziger Frische nach. Eine wirklich gelungene Riserva mit Charakter, Kraft und Finesse. 16 – 18 °C 30248-13 0,75 l jetzt bis 2026 1l = 29,20 € statt 23,50 € 21,90 €

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SEPTEMBER 2018

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