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bekannteste aus meiner Familie. Bettino hat maßgeblich an der Einigung Italiens mitgewirkt. Ein liberaler im damals bürgerlichen Sinn, ein strenger Katholik, aber auch ein kluger Politiker. Vor allem wusste er auch, wann man zurückzutreten hatte. Hat er als Minister- präsident des geeinigten Italien direkt zweimal gemacht. Außerdem hat er eine Tageszeitung gegründet, die heute noch erscheint. Wahr- scheinlich ist er aber am berühmtesten geworden durch eine ganz andere Sache, nämlich den Brief.” Bettino hatte nach seinem zweiten Rücktritt 1867, zu dem ihn antiklerikale Kräfte gezwungen hatten, während sein erster 1862 durch den Papst veranlasst war, nicht mehr so viel Lust auf Politik. Also hatte er sich auf sein Schloss zurückgezo- gen und vor allem dem Wein gewidmet. Oder besser seiner Produkti- on. Unzufrieden mit den Ergebnissen, experimentierte er viel herum, vor allem auch mit der Zusammensetzung der Cuvées. 1872 schrieb er dann den berühmten Brief an einen Professor in Pisa, in dem er eine Mischung von 70 % Sangiovese, 20 % Canaiolo und 10 % Malvasia als perfekt für den Chianti bezeichnete. “Das war schon damals nur als Leitlinie gedacht und an anderer Stelle schrieb Bettino ja, dass der weiße Malvasia den einfachen Weinen mehr Duftigkeit verleihen
DIE WUNDERBARE WELT DES BARONE FRANCESCO CASTELLO DI BROLIO Wer würde sich nicht wünschen, Herr über das schönste Schloss, das Wahrzeichen der ganzen Region zu sein. Von hier aus hat man das ganze untere Chianti zu Füßen liegen. Ein einmaliger Ausblick den auch die Florentiner zu schätzen wussten, denn von hier konnten sie alles beobachten, was der Erbfeind, die Sieneser machten. Kein Wunder, dass die ab und an ausrückten und versuchten, Brolio dem Erdboden gleich zu machen, was gleich mehrfach gelang. Zuletzt wurde es um 1500 komplett zerstört und neu aufgebaut. Aber die ältesten Mauern datieren auf das 11. Jahrhundert und die letzten Einschusslöcher stammen von 1944. Viel Geschichte also. W ir sitzen vor der Bar unterhalb des Schlosses und trinken Espresso. Natürlich sind wir zu S. 65
doch was zu Hause mit Shiraz und Merlot funktionierte, klappte mit Sangiovese nicht wirklich. “Irgendwann konnte ich das nicht mehr mit ansehen”, erzählt Francesco, “ich war damals Fotograf und ein recht erfolgreicher dazu, aber jedes Mal wenn ich eine Flasche Castello di Brolio sah, gab das einen Stich ins Herz. Da stand Ricasoli drauf, mein Name und was da drin war, war schlecht. Als ich die 1993 gefragt habe, ob ich die Namensrechte zurückkaufen und die Pachtverträge für Weinberge kündigen könnte, waren die glaube ich eher erleichtert.” “Aber da wirst du ja trotzdem einiges investiert haben”, frage ich ihn. “Einiges mehr…”, er lächelt nachdenklich, “wenn ich heute darüber nachdenke war das vielleicht Wahnsinn, aber ich war wohl so enthusiastisch und überzeugt, dass meine Partner bereit waren das Risiko mit einzugehen. Vielleicht war der Ruf von Brolio doch nicht ganz ruiniert.”
würde, Top-Weine mit Lagerpotential aber durchaus ohne ihn auskommen könnten. Die gesetzliche Festlegung, dass man unbedingt Malvasia verwenden musste, hätte er wahrscheinlich abgelehnt. Ein klassisches Missverständnis.” Jedenfalls war damals die Familie Ricasoli auf dem Zenit, der König Vitorio Emanuelle kam zu Besuch und trank mit seinem Minister- präsidenten Chianti. Dann kamen eher schwierige Zeiten. “Meine Familie war da vielleicht etwas leichtsinnig,” erzählt Francesco, “man hatte in großem Stil in die italienischen Kolonialgebiete investiert. Griechenland, Libyen, Eritrea. Nach dem zweiten Weltkrieg war mein Großvater dann quasi pleite. Die Weine von Brolio genossen damals in Italien aber immer nicht, das gehört den Nachkommen. Also ging er eine Partnerschaft mit einem der damals größten Weinkonzerne der Welt ein. Man baute große Lagerhallen und wollte die Welt mit dem Chianti eines Top-Namens überschwemmen. Eine nur mäßige Idee, denn Castello di Brolio war außerhalb Italiens nur wenigen bekannt und Chianti hatte ohnehin das Ansehen eines Billigweins. Man produzierte billig und in Masse und kam trotzdem auf keinen grünen Zweig. Dann kamen die Australier und bauten noch mehr Hallen und wollten noch mehr Wein machen,
Dann ging alles für Weinverhältnis- se recht schnell. Die Weinberge wurden in einen besseren Zustand versetzt und teilweise neu bepflanzt, die Kellerei wurde von Massenerzeugung auf Qualitätserzeu- gung umgestellt und dann musste man den Kunden noch beibringen, dass die Brolio Weine nicht mehr billig waren, dafür aber ihr Geld wert. Erstaunlich, schon nach fünf, sechs Jahren zählte das Castello di Brolio wieder zu den Top-Erzeugern der Region. Für Wein ein unerhörtes Tempo. “1996, deutlich später als alle anderen, haben wir
» WIR HABEN 800 JAHRE MEHR ODER MINDER KRIEGERISCHE GESCHICHTE. « F r a n c esc o R ic a so l i
noch einen besonderen Ruf. Weinkenner sprachen andächtig vom Lafite Italiens.” Aber was blieb dem Großvater anderes übrig? Er machte zu Geld, was er zu Geld machen konnte oder besser musste, den großen Namen. Das Land behielt er, denn Land verkauft man
sieh e WEINLISTE
früh, also können wir zumindest noch ein flüssiges Frühstück in der Sonne nehmen. Aber kaum sitzen wir, kommt auch schon Francesco aus dem flachen Steingebäude gegenüber und winkt. “Total Deutsch, immer Angst zu spät zu kommen”, sagen wir. “Ja, und dann traut ihr euch noch nicht mal rein,” sagt er lachend. “Bei mir könnt ihr gerne auch fünf Minuten früher vorbeikommen.” Der Natursteinbau entpuppt sich innen als großes, offenes Büro, eine Halle mit ein paar Arbeitsplätzen, zwei offen verglasten Besprechungsräumen in der Halb-Etage, alles in dunklem Holz gehalten und mit modernen Büromöbeln versehen. Klar, funktional und irgendwie doch gediegen. “Kommt mal mit, ich muss euch was zeigen. Das hab ich gerade gekauft.” In seinem Büro zeigt er uns eine lustig bunte Karte in der alle Weinbauregionen am Rhein eingezeichnet sind, nicht schema- tisch, sondern mit knalligen Zeichnungen, witzigen Figuren und viel
kitschiger deutscher Weinromantik. “Die muss aus den 30er Jahren stammen”, meint er, “die fand ich total witzig. Hänge ich mir dann im Büro auf.” Wir gehen durch die Enoteca, in der man die Weine probieren und kaufen kann und die ein echter Touristenmagnet zu sein scheint, denn schon um 10 Uhr morgens stehen acht bis zehn Leute an der Verkostungstheke. Im Keller scheint alles riesig zu sein, Hallen größer als ein Fußballfeld. “Ja, zu wenig Platz ist nicht unser Problem”, meint Francesco, “ich könnte fast das Doppelte produzie - ren. Aber ich hab gemerkt, das zu viel Platz auch nicht wirklich gut ist. Das ist noch ein Erbe der Hardy-Seagram-Zeit.” Wir kennen die Geschichte oberflächlich. Erst gab es eine Kooperation mit dem kanadischen Seagram Konzern und dann wurde die Marke an die Australier von Hardys verkauft. Jetzt wollen wir es aber genauer wissen. Francesco lächelt freundlich, “na da muss ich aber etwas weiter ausholen. Die ersten eintausend Jahre der Familie spare ich mal aus, und beginne mit Bettino Ricasoli, er ist vielleicht der
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1. | FRANCESCO RICASOLI VOR BROLIO 2. | CASTELLO DI BROLIO
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