46
–– TOSKANA
TOSKANA ––
47
verschmitzt “Nein, ich glaube nicht das wir uns verändert haben.” Klar, die Mode geht auch an der Weinkritik nicht vorbei und ich muss an alle diese Monsterweine denken, die vor 15, 20 Jahren so viele Punkte bekamen. Alkohol bis zum Anschlag, grotesk konzentriert, dick wie Marmelade und null Trinkfreude. Alles vergessen, kaum noch einer spricht davon. “Schau mal, wenn du die 12er mit den 13ern vergleichst, die witzigerweise bei Parker fast gleich bewertet worden sind... Klar sind da Jahrgangsunterschiede, aber die Weine sind doch auf demselben Niveau und haben eine Handschrift.” Ich denke an den 14er Rosso Toscano, was für ein Wein für einen eher verrufenen Jahrgang. Natürlich ist der aktuelle 16er der bessere Jahrgang, aber ich verstehe, was Simone meint: Es ist nicht die Kunst, in großen Jahrgängen tolle Weine zu machen, sondern auch in den kleinen zuverlässig und sich treu zu sein. Die wichtigste Neuerung, die Elisabetta brachte, war eigentlich etwas ganz Einfaches. Da ist dieser Weinberg, den man vom Fenster aus sehen kann. Ein Hügel Richtung Montalcino, eher nach Norden geneigt, hinter ihm beginnen die
S imone und Angelo, der Kellermeister und der Weingutsmanager machen jedenfalls nicht besonders viel Aufhebens um ihre Weine und wie sie entstehen. Hier die Weinberge, da der Keller, alles wie es sein muss, alles wie üblich, irgendwie. Natürlich haben wir dann doch noch Nachfragen, ehe wir uns an den Tisch setzen – Mittagessen versteht sich. Altesino wurde kurz vor dem aufkommenden Brunello-Boom gegründet und hat auch seinen Anteil an der immer größer gewordenen Reputation der Region gehabt. Die ersten Besitzer kamen aus Mailand. Von außerhalb, wie fast alle in der Region. “Es ist immer noch so”, erzählt Simone, “die wenigsten Erzeuger sind waschechte Montalciner. Hier hat man alles Mögliche angebaut, auch Wein, aber eher so nebenbei. Die großen Möglichkeiten haben dann die Leute
ALTESINO MEHR ELEGANZ WAGEN
erkannt, die hinzukamen. Und sie haben auch das nötige Geld mitgebracht.” Klar, ohne die nötigen Investitionen wäre der Brunello nicht innerhalb von 20 Jahren von einem netten Landwein zu einem internationalen Spitzenprodukt gewachsen. Als Elisabetta Gnudi 2002 das Landgut mit etwas Weinbau übernahm, sah es aus, als wäre der Brunello-Hype schon wieder vorbei. Der Wein, mittlerweile unter den teuersten Toskanern, musste beweisen, dass er hielt, was er versprach. Auf Altesino antwortete man auf die Herausforderung mit einer ganz eigenen Strategie: Man blieb erst einmal locker. “Warum sollte man alles umwerfen, nur weil jemand anderes den Wein macht und es langsam ein paar Flaschen mehr wurden”, meint Simone. “Wir nutzen immer noch große Holzfässer, und haben eine nicht zu lange Maische- standzeit von vielleicht acht bis zehn Tagen. Dadurch sind unsere Weine etwas geschmeidiger, nicht so hart und scharf in den Tanninen. Das ist unser Stil,” meint er und zeigt uns die großen Fässer, die ein wenig aussehen, wie in einem traditionel-
» VIELLEICHT WÜRDE MAN MIT ETWAS MEHR TANNINEN DEM WEIN NOCH MEHR HALTBARKEIT VERLEIHEN, ABER WAS NÜTZT MIR EIN WEIN, DEN ICH ERST IN 50 JAHREN TRINKEN KANN… « S imo n e G iu n t i
bewaldeten Berge zum Ombrone Tal im Westen. Man erwartet irgendwie, dass dort oben ein Castello stehen muss, aber es ist nur ein kleine Ansammlung von Bäumen, die sich über den Hügelkamm vorgeschoben hat. Irgendwann kam Elisabetta auf die Idee, die Trauben aus diesem Weinberg getrennt auszubauen. Und da zeigte sich, dass hier ein ganz besonderer Schatz lag, ein ganz besonde- res Terroir. “Man kann nicht genau festmachen, woran es liegt”, meint Simone, “der Boden ist etwas anders, die Ausrichtung ungewöhnlich und dadurch haben wir da natürlich auch ein anderes Mikroklima, aber was die besondere Eleganz des Montosoli eigentlich ausmacht…?” “Terroir ist ja immer die Summe vieler Dinge”, ergänzt Angelo, “wir tun sicher auch das Unsere dazu, indem wir besonders selektionieren und wissen, dass dieser Wein unsere Ikone ist.” Montosoli, das ist der erste Cru Montalcinos gewesen und bis heute gibt es
len Moselweingut. “Ja, vielleicht würde man mit etwas mehr Tanninen dem Wein noch mehr Haltbarkeit verleihen, aber was nützt mir ein Wein, den ich erst in 50 Jahren trinken kann…” Eine rhetorische Frage in der Tat. Angelo ergänzt: “Ich bin ja jetzt noch nicht so lange dabei, aber das war etwas, was mir sofort gefallen hat, dass man nicht immer alles ändern muss. Wir sind ja nicht hier um uns wichtig, sondern um guten Wein zu machen.” “Verlässlich guten Wein”, ergänzt Simone, “für viele Weinmacher ist es wichtig, den besten Brunello zu machen, die meisten Punkte zu bekommen und den höchsten Preis zu erzielen. Unser Credo war hingegen immer, verlässlich zu sein. Top-Qualität ja. Auch in schwierigen Jahrgängen gut zu sein, aber immer unseren Stil zu pflegen, das war uns immer wichtiger, als der Mode nachzulaufen und dafür dann vielleicht einmal 99 Punkte zu bekommen.” Lange Zeit ist dieser etwas rundere, elegantere Stil, der sich schon nach einigen Jahren zugängig zeigt, bei den großen Weinjournalisten nicht ganz so hoch bewertet worden, jetzt gibt es immer mehr gute Bewertungen von Parker und Co. “Hat sich der Stil eures Weins geändert”, frage ich. Simone lächelt
kaum jemanden der das Prinzip verfolgt oder, wenn er es tut, das richtig kommuniziert. “Warum auch”, meint Simone “es gibt so viele kleine Erzeuger. Viele bauen nur Trauben an, manche machen Wein und verkaufen ihn als Fassware. Bei vier Euro für ein Kilo Brunello- Trauben und bis zu zehn Euro für einen Liter Fasswein ist der Druck zu besserer Kommunikation nicht besonders hoch. Und bei einem offiziellen Cru-System würden ja auch einige Winzer leer ausgehen. Das durchzusetzen schafft niemand.” Ich erwische mich dabei wie ich “Ja ja, Italien” denke, muss aber sofort an die Lagenklassifikation in Deutschland denken. Der großartige Kröver Nacktarsch ist sicher noch
Ein Hügel, Weinberge, eine Villa und natürlich Zypressen. Wer zum ersten Mal zum Weingut Altesino hochfährt, hat den Eindruck, alles wäre von einem findigen Tourismusmanager arrangiert worden. Nur, auf Touristen ist man gar nicht richtig eingestellt, keine Busse, keine Zimmer, nur ein kleiner, individueller Verkostungsraum in dem man allenfalls in kleinen Gruppen dem Zauber des Brunello nachspüren kann. Es drängt sich der Verdacht auf, das steht alles einfach nur so herum. Wirklich erschreckend an der Toskana ist, wie selbstverständlich das Schöne ist. Das Leckere auch, wie wir lernen werden.
sieh e WEINLISTE
S. 64
WEINBREVIER — WWW.KOELNER-WEINKELLER.DE — BESTELLHOTLINE (0221) 139728-28 — ANGEBOTE GÜLTIG BIS 14.10.2018
SEPTEMBER 2018
Made with FlippingBook - professional solution for displaying marketing and sales documents online