Toskana-Renaissance | 2018

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F ederico ist hier der Chef. Als er bemerkt, wie ich durch die Zypressen hindurch versuche das Panorama zu fotografieren lacht er. “Ja, die stehen hier dicht an dicht. Seltsam, vor den Nachbarn muss man sich ja nicht schützen, denn es gibt keine und trotzdem sind die wie eine Mauer gepflanzt worden. Komisch, Paola hat mir gar nicht erzählt, warum die so ungewöhnlich eng gepflanzt worden sind… Aber wir hatten in dem halben Jahr ja auch ganz andere Dinge zu besprechen.” Federico, ist noch nicht lange auf Poggio Antico, vorher hat er für eine große Weingruppe gearbeitet und dann für ein bekanntes Weingut im Chianti. “Die Toskana kenne ich also”, meint er, “trotzdem ist das hier oben eine ziemliche Herausforderung.” Poggio Antico ist nämlich Ende 2017 verkauft worden. Dreißig Jahre lang hat Paola Gloder das Weingut geleitet und es zu einer Ikone des Brunello gemacht, jetzt gehört es Marcel van Poecke. Die Zweite der großen Übernah-

POGGIO ANTICO EXCITING HEIGHTS

dem Weingut bleiben. “Ist doch ein echtes Long-Time-Invest”, meint Federico, “und eigentlich war es ja noch ein halbes Jahr mehr, denn sie und ihr Mann haben mich zum Glück umfassend eingearbeitet.” Dabei hat Federico fast das gesamte Team übernehmen können. Einige sind von Anfang an dabei und bei den Jüngeren haben teilweise schon die Eltern auf Poggio Antico gearbeitet. Claudio Ferretti kümmert sich seit über 30 Jahren um die Weinberge, jetzt geht die Aufgabe langsam auf seinen Sohn Jacopo über. Pier Guiseppe, der technische Direktor, den alle nur Pippo nennen, ist einer der

im WEINKELLER NEU

men, die für so viel Aufsehen gesorgt haben, denn auch das älteste Brunello- Weingut Biondi-Santi wechselte 2017 den Eigentümer. Ich frage Federico ganz direkt: “Wie ist das, wenn ein branchen- fremdes Unternehmen so ein Weingut übernimmt? In der ganzen Region wird ja darüber geredet, und viele machen sich da auch Sorgen.” “Klar”, meint Federico, “geredet wird ja immer viel, aber es kommt natürlich darauf an, was die Leute, die das Geld investieren, für Vorstellungen haben.” So ein Weingut ist ja keine normale Handelsware. Als die Familie Gloder das Weingut 1984 übernahm gab es das auch schon einige Jahre. Der Name ist in den späten 70ern zum ersten Mal für Wein verwendet worden. Wie man sich erzählt soll der aber nicht besonders gut gewesen sein. Giancarlo Gloder war damals noch im Bankwesen tätig und er hat das Weingut nicht nur wegen der schönen Aussicht gekauft, sondern weil er an die Zukunft der Region glaubte. Natürlich Leidenschaft für den Wein, aber auch ein Investment eben, denn um aus dem Potential von Poggio Antico was zu machen brauchte man nicht nur fähige Leute, sondern auch erst einmal viel Geld.

wenigen die noch nicht so lange im Team sind. “Eine der wichtigsten Neuerungen ist sicher, dass wir die Weinberge auf biologische Bewirtschaftung umgestellt haben. Das hätten wir wahrscheinlich ohne den neuen Inhaber nicht gemacht und natürlich wird so etwas im Team dann auch kontrovers debattiert, aber manchmal braucht man eben auch einen Anstoß von außen.” Gerade jetzt sieht Pippo nicht so richtig glücklich aus mit der Entscheidung. “Es hat extrem viel geregnet im Frühjahr und es soll die nächsten Tage weiter regnen und dabei wärmer werden”, erzählt er, “schaut euch die Weinberge an. Das sieht aus wie ein Urwald. Nicht nur die Reben wachsen wie wahnsinnig, auch alles was zwischen den Zeilen wächst. Da steigt die Gefahr, dass sich Mehltau bildet, und als Bio-Winzer hat man da nicht so viele Möglichkei- ten…” Eher gar keine, würden wir sagen. Aber das hören wir immer wieder, die Jahre der Umstellung sind oft für das Team purer Stress. “Das mit der Bio-Um- stellung ist sicherlich die wichtigste Veränderung”, ergänzt Federico, “aber so eine Übernahme ist natürlich auch immer

» WIR SIND DAS HÖCHSTE WEINGUT MIT 480 METERN UND UM UNS HERUM NUR WALD UND DIE WEIN- BERGE SIND AUCH IM SOMMER SEHR DEM WIND AUSGESETZT, DAS MACHT SCHON VON ALLEINE EINEN BESONDEREN STIL. « Federico Trost

Von Montalcino aus fährt man über eine kleine Strada Provinciale nach Süden. Es geht immer auf dem Bergrücken entlang durch Wälder und Felder. Irgendwann geht es durch ein Tor scharf rechts von der Straße ab und über einen Schotterweg in einem langen Bogen durch den Wald. Und dann kommen Zypressen über Zypressen und am Ende des Weges auf einem Bergsporn mit einer sensationellen Aussicht auf den Süden der Region liegt Poggio Antico.

Der Erfolg kam schnell. Der 1985 Brunello von Poggio Antico war bei seinem Erscheinen im WineSpecator unter den Top 100 Weinen auf Platz 4 zu finden. Zwei Jahre nach dem legendären Jahrgang entschloss sich dann Giancarlos Tochter Paola, die Leitung des Weingutes zu übernehmen. 1987 war das in Italien noch sehr ungewöhnlich, eine junge Frau, die ein großes und plötzlich weltbe- kanntes Weingut in einer der aufstrebenden Appellationen der Toska- na leitet. Aber sie merkte auch, dass so ein Presseerfolg nur eine Eintagsfliege ist, wenn man nicht beständig Top-Qualität abliefert und mit seinen Kunden in Kontakt bleibt. 30 Jahre sollte sie auf

eine Gratwanderung. So wenig verändern wie möglich, aber auf der anderen Seite will man sich ja auch weiterentwickeln und für die Zukunft planen.” Wir gehen in den Keller. Hier stehen große Eichenfässer dicht an dicht. Alessio ist der jüngste im Team, aber auch schon Poggio Antico erfahren. Nach seinem Oenologie-Studium hat er jetzt offiziell den Titel des Winemakers. “Ach”, sagt er, “das Team ist der Winemaker.” Wir suchen nach den im modernen Weinbau ja scheinbar omnipräsenten Barrique-Fässern, aber es gibt nur eine Handvoll irgendwo hinter den großen Stückfässern. “No Barrique for Brunello,” sagt Alessio, “bei uns kommt nur der IGT ins Barrique. Rosso und Altero in die größeren Stückfässer und der klassische Brunello wird ganz altmodisch in großen Fässern aus slawonischer Eiche ausgebaut.” Pippo ergänzt: “Wir finden für den Brunello, den wir trotz aller Kraft immer elegant haben wollen, ist das Barrique zu viel, das wirft ihn aus dem Gleichgewicht.” In ein paar Nebenräumen

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1. | PANORAMA VON MONTALCINO 2. | ALESSIO SOSTEGNI UND PIER GIUSEPPE D´ALESSANDRO

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SEPTEMBER 2018

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