Toskana-Renaissance | 2018

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D ass hier der Ort Ghizzano liegt, merkt man erst, wenn man mittendrin ist. Vielleicht zwanzig kleine Häuser im alten Ortskern, nochmal so viele neuere auf den Berg- rücken vor und hinter dem Ort. Ein paar Leute, die am frühen Abend auf der Straße sind, schauen und grüßen. Wahrscheinlich weiß nach fünf Minuten jeder, dass Fremde im Ort sind. Hier fahren nicht oft Autos durch. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Straße hinter Ghizzano unvermittelt in einen Schotterweg übergeht und der Ortskern definitiv nicht für moderne Autos gemacht ist. Wir verstehen jetzt die Liebe vieler Italiener zu ihrem alten Fiat Panda. Am höchsten Punkt des Hügels steht fast quadratisch und toskanisch schlicht eine alte Villa mit einem Turm. Il Ghizzano. Alles hier heißt irgendwie Ghizzano, der Ort, die Straßen, der ganze Landstrich und das schon seit 700 Jahren. Der Turm, von dem aus man einen einmaligen Ausblick auf die Hügellandschaft der Colline Pisane hat, datiert auf das Jahr 1370 und wurde von den Vorfahren von Carla und Ginevra Venerosi Pesciolini gebaut. Seit 700 Jahren ist das Land in Familienbesitz und Ginevra, die das Weingut leitet, lässt kaum Zweifel daran, dass die Familie mindestens weitere 700 Jahre bleiben wird. Erst einmal treffen wir Mutter Carla, die uns durch den Garten direkt vor dem Haus führt. Von großen Mauern und Hecken umgeben

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In einem Olivenhain wächst das Gras mannshoch, “gemäht wird erst im Spätsommer, wenn die Vögel gebrütet haben”, erklärt sie uns, “das ist ein wichtiger Rückzugsraum für Fasane, Rebhühner und andere Wildvögel. Unser Wald darf auch nur sehr begrenzt bejagt werden. Wir machen regelmäßig Wildzählungen und entscheiden dann zusammen mit dem Forstamt, was und wieviel gejagt werden darf.” In der Tat sieht es um den Ort herum seltsam wild aus, wenig erinnert an ein klassisches Weingut. Wir lernen Luciana und Michele kennen. Luciana organisiert das Büro und Michele ist sowas wie der Winemaker oder Außenbe- triebsleiter. Man hat den Eindruck, dass auf Ghizzano die Zuständig- keiten nicht ganz so wichtig sind, denn während des Gesprächs wird klar, dass sich jeder irgendwie überall engagiert und am liebsten auch alles wissen will. 2003 hat Ginevra den gesamten Betrieb auf biologische Produktion umgestellt, in einer Zeit, in der fast alle Winzer in der Toskana das noch vehement ablehnten. “Zu teuer, geht nicht, das gibt keine Qualität, da verfault einem alles…” Es gehörte

TENUTA DI GHIZZANO Von Pisa geht es über eine langweilige Landstraße Richtung Südosten, die Toskana besteht aus kleinen Straßendörfern, Gewerbegebieten und hier und dort einigen verlassenen Hallen alter Landwirtschaftskooperativen. Kurz vor Peccioli wird die Straße enger und schlängelt sich durch ein kleines Tal. Sanfte Felder, unterbrochen von kleinen Waldabschnitten und ein paar Agritourisme Hinweis- schildern. Hier nennt sich die Straße schon Strada Communale di Ghizzano und plötzlich in einer Kurve geht es steil hinauf auf einen wild von Wäldern und Weinbergen durchzogenen Hügel. DER GEHEIMTIPP

und mit einer Mischung aus rechteckig angelegten Wegen, in strenge Formen geschnittenen Buchsbaumhecken, halb verwilderten Bäumen und den wilden Skulpturen nach Ovids Versen, besitzt er einen ganz besonderen Charme. Jährlich findet auch ein kleines Musikfestival statt. Carla begrüßt noch die zwei Hunde, denen es gar nicht gefällt, dass man sie wegen des Besuchs angebunden hat und dann steigt sie mit uns auf den alten Turm. Sie wohnt noch in der Villa, die man irgendwann einmal, vielleicht vor vier- oder fünfhundert Jahren, an den Turm gebaut hat. Über alte, aus- getretene Stufen geht es erst durch das Wohnhaus, über eine Galerie hoch oben im Gewölbe des… nun ja, Wohnzimmers und dann vielleicht zwanzig Meter hoch auf den Turm. Carla scheint das öfter zu machen, denn die ausgetretenen, steilen Stufen be- reiten der alten Damen keinerlei Probleme. “Das ist Ghizzano”, sagt sie freundlich lächelnd und zeigt auf die Landschaft drumherum. Ghizzano ist insgesamt 350 Hektar groß, davon werden aber nur 20 Hektar für den Weinbau verwendet und weitere 20 für die Produktion von Olivenöl. Es gibt viel Wald, ungemähte Grünstreifen, Sträucher und Blumenwiesen und einige verstreute Gehöfte. “Wir haben viele Flächen als ökologische Regenerationsflächen ausgewiesen”, wird uns Ginevra später erklären.

damals schon einiger Mut dazu, gegen den Strom anzuschwimmen, zum Glück gibt es in Ghizzano nur wenige Nachbarn und von denen baut keiner Wein an. Nur drei Jahre später wagte Ginevra dann den Schritt zur biodynamischen Anbauweise und seit 2008 ist sie auch offiziell zertifiziert. “Schwierig?” Michele zuckt die Achseln und lächelt, “Nein, eigentlich nicht. Wir waren alle davon überzeugt, also haben wir es durchgezogen.” Michele erzählt wie sich die Weine mit der Zeit verändert haben. Anfangs seien sie noch konzentrierter und holzbeladener gewesen, er nennt das American Style.

» WIR HABEN VIELE FLÄCHEN ALS ÖKOLOGISCHE REGENERATIONS- FLÄCHEN AUSGEWIESEN, DAS IST EIN WICHTIGER RÜCK- ZUGSRAUM FÜR FASANE, REBHÜHNER UND ANDERE WILD- VÖGEL. « G in ev r a V en er o si P esc io l in i

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1. | BLICK ÜBER DIE COLLE PISANI 2. | BIODYN-“SPRITZUNG ” AUF GHIZZANO 3. | VILLA GHIZZANO

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SEPTEMBER 2018

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