hochgerechnet, drei bis vier Stunden täglich für sein Werk zur Verfügung. Wenn er nicht Familie, Freunde und sonstige Freizeitaktivitäten vernachlässigen will, bleibt ihm sogar noch deutlich weniger Zeit für sein Hobby. Eine Anlage gleicher Größe wird er nur in einem Vielfachen der Zeit aufbauen können, die Josef Brandl für das Werk benötigt. Wir reden hier nicht von Monaten, sondern von Jahren. Jeder kennt das: Kein Mensch bleibt einfach stehen, bei jedem entwickelt sich die Persönlichkeit mit der Zeit immer weiter. Erlebnisse und Erfahrungen geben neue Anregungen, Interessen, Vorstellungen und Bedürfnisse verschieben sich. Hinzu kommt die dem Menschen innewohnende Neugier, Neues ausprobieren und haben zu wollen. Was passiert, wenn eine Modellbahn immer nur stückchenweise geplant wird? Der erste Anlagenteil sei seit zwei, drei Jahren fertig, er sei schön geworden und gut gelungen. Nun steht die Konzeption des nächsten Teiles an. Natürlich berücksichtigt man bei der Planung neueste Produkte der Industrie sowie Herstellungs-, Montage- und Gestaltungstechniken, die es vielleicht vor einigen Jahren noch nicht gab. Vielleicht haben sich, weil zwischenzeitlich ein tolles neues Lokomotivmodell vorgestellt wurde, die eigenen Betriebswünsche verändert. Vielleicht ... – es gibt noch viele Dinge, die sich beim Herangehen an die Mo- dellbahn geändert haben können und wahrscheinlich sogar geändert haben. Das Resultat ist in jedem Fall: Der Stil, der Charakter der neuen Teilanlage wird ein anderer sein als der des bereits bestehenden Anlagen- teils. Dies ist keinesweg schlecht, die Gesamtanlage wird auch weiterhin – entsprechende Bauqualität vor- ausgesetzt – wunderschön sein. Nur, sie ist eben nicht aus einem Guss, so wie es eine Brandl-Anlage ist. Gleisplanung am Computer Zurück zu Josef Brandls Vorgehen bei der Planung. Er verwendet die Software WinTrack zur konkreten Gleis- planung. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Weichen- straßen und Gleisverbindungen. Dem Schattenbahnhof und anderen verdeckten Gleisanlagen widmet er hier besondere Aufmerksamkeit, da die spätere Betriebssi- cherheit dieser schwerer zugänglichen Bereiche nicht zuletzt von einer sauberen Einhaltung des vom Herstel- ler vorgegebenen geometrischen Zusammenspiels der verschiedenen Gleisstücke abhängt. Im sichtbaren Be- reich verwendet Josef Brandl fast nur Flexgleis. Es wäre zwar mit WinTrack möglich, auch die Lage dieser bieg- samen Gleise bis auf den Millimeter genau festzulegen, aber hierauf verzichtet Josef Brandl, um unnötigen Aufwand zu vermeiden. Wichtig sind ihm hier vor allem die exakten Lagen und Relationen zueinander von Weichen und anderen ortsfesten Installationen wie z.B. Drehscheiben. Die so entstandenen Gleispläne lassen
bahn mit Durchgangsbahnhof, Abzweigbahn- hof) und aus den Verkehrswünschen des Auf- traggebers ergeben sich die Anforderungen für die Nutzlänge und Anzahl der Gleise im Schattenbahnhof. Auch dieser muss natürlich in einem Mindestmaß zugänglich sein, was sich wiederum auf die maximalen Abmessungen der verschiedenen Anlagenteile auswirkt. Als Ergebnis all dieser Überlegungen und Beratun- gen stehen schlussendlich die maximalen Eckmaße der zu bauenden Anlage fest. Das Wort „Eckmaße“ ist hier durchaus wörtlich zu nehmen. Eine durch Geraden begrenzte ungleichmäßige Fläche lässt sich am ein- fachsten über die Koordinaten ihrer Ecken beschreiben. Mit ihnen lässt sich schnell eine maßstäbliche Skizze der Anlagengrundform anfertigen, in der erste Über- legungen zur Gleisführung, zur Lage des Bahnhofs, zu notwendigen technischen Dingen wie z.B. einer Gleis- wendel eingezeichnet werden können. Entspricht diese Grobplanung den Vorstellungen des Auftraggebers, setzt sich Josef Brandl an den Computer, um einen detaillierten Gleisplan auszuarbeiten. Überlegungen vorweg Wer bauen will wie Brandl, sollte sich unbedingt an dieses grundsätzliche Vorgehen halten. Ein Kennzei- chen Brandl’scher Anlagen ist, dass sie wie aus einem Guss wirken. Zuallererst werden die Abmessungen der Anlage festgelegt und Fragen ihres Transports geklärt. Erst dann werden konkrete Überlegungen angestellt, ob und wie das gewünschte Thema auf der verfügbaren Fläche umgesetzt werden kann. Natür- lich kann man hier den Einwand vorbringen, dass es auch schöne Modellbahnanlagen gibt, die über einen längeren Zeitraum in verteilten Abschnitten entstanden sind – sogar von Josef Brandl selbst! Gerade dies führt aber auch zur Entkräftung des Einwands: Josef Brandl und eine Reihe anderer Mo- dellbauer haben über viele Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt und dabei eine eigene typische „Hand- schrift“ entwickelt. Wenn ein solcher Modellbauer heute einen Anlagenabschnitt gestaltet und in zwei Jahren einen weiteren, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass beide Teile gut miteinander harmonieren, eben „wie aus einem Guss“ erscheinen. Meist sind diese Anlagenbauer Profis, sie beschäftigen sich beruflich mit der Modellbahn und erzielen ihren Lebensunterhalt in der einen oder anderen Art damit. Sie verwenden demnach acht Stunden eines Arbeitstages oder mehr zur Beschäftigung mit dem Thema, genügend Zeit zum Üben, genügend Zeit aber auch, um irgendwann eine Art „fertig-ausgebildet“-Status zu erreichen. Ganz anders der Anlagenbauer, der die Modellbah- nerei als Hobby in seiner Freizeit betreibt. Ihm stehen,
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