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Zum 100. Geburtstag der Märchen- königin Trudi Gerster präsentiert der Friedrich Reinhardt Verlag einen Auszug aus dem neu erschienenen Märchenbuch.

Der Basilisk

U nweit von Basel, in der Gegend des heutigen Allschwiler Waldes, lebte einst einer dieser unheimlichen Drachen. Immer wieder wurden Jäger, Beeren- frauen, Pilzsammler und Wanderer im Wald tot aufgefunden, und niemand wusste, wie sie umgekommen waren. Es herrschte Angst und Trauer im Land. Eines Tages entdeckte ein altes Weiblein beim Pilzsuchen den gefährlichen Basilisken. Die Pilzsammlerin beobachtete einen Hasen, der am Eingang einer Erdhöhle herumschnupperte, als plötzlich der Drache aus dem Loch hervorschoss. Er sah dem Hasen mit seinem tödlichen Blick in die Augen. Wie vom Blitz getroffen fiel das arme Tier um und war tot. Die Frau erzählte überall, was sie gesehen hatte. Sofort wurde beschlossen, das gefährliche Ungeheuer zu fangen und zu töten. Z u jener Zeit lebten auf einem Bauernhof nahe beim Allschwiler Wald zwei mutige Brüder namens Wunibald und Wenzeslaus. Sie beschlossen, den Basilisken unschädlich zu machen. Das war eine schwierige und gefährliche Aufgabe. Zunächst warf Wenzeslaus ein Netz über das Erdloch. Aber der Basilisk zerriss das Netz mit seinen scharfen Krallen. D ann verstopfte Wunibald den Höhleneingang mit Erde und Moos. Doch kaum war die Sonne aufgegangen, sahen die Brüder von ihrem Versteck aus, wie der Drache mit einer Moos- mütze aus seinem Unterschlupf auftauchte. «Wir müssen das Erdloch zumauern», sagte Wenzeslaus. Sie machten sich unverzüglich ans Werk. Wenzeslaus und Wunibald bauten einen Ofen und erhitzten Kalksteine über dem starken Feuer, bis man sie zu Staub zerreiben konnte. Diesen Kalkstaub vermischten sie mit Wasser, mauerten damit das Loch zu und warteten, bis der Kalk ganz hart geworden war. «So, jetzt kann der giftige Kerl für immer und ewig da drinnen bleiben», sagten sie und gingen zufrieden nach Hause. Aber schon nach wenigen Tagen wurde wieder ein Pilzsammler tot im Wald aufgefunden. Der Basilisk hatte sich einfach einen neuen Ausgang gegraben. W unibald und Wenzeslaus gaben nicht auf. Sie schliefen kaum noch und berieten hin und her, wie sie dem Untier den Garaus machen könnten. Mitten in der Nacht sprang Wen- zeslaus plötzlich aus dem Bett, rüttelte seinen Bruder wach und rief: «Ich hab’s – wir brauchen einen Spiegel!» D s

I m frühen Morgengrauen gingen sie zum Glasermeister und besorgten einen grossen Spiegel. Sie trugen ihn in den Wald, stellten ihn vor dem neuen Erdloch des Basilisken auf und versteckten sich hinter einer dicken Eiche. Lange mussten die Brüder warten. Endlich war aus der Höhle des Drachen ein Scharren, Kratzen und D er Basilisk kroch aus seiner Erd- höhle, stand auf seinen dicken Hinterbeinen aufrecht vor dem Spiegel. Er blickte in seine eigenen, stechenden Augen, fiel um und war mausetot. Das Land war nun endlich von dem gefährlichen Basilisken befreit. Die Menschen freuten sich und feierten ein grosses Fest. Heute können wir wieder sorglos im Allschwiler Wald spazieren. B asilisken gibt es nur noch als Brunnen- figuren und als Basler Wappentiere. So sind sie natürlich nicht gefährlich, und als Brunnenfiguren sehen sie sogar aus- gesprochen hübsch aus. Schnauben zu hören.

n uralten Zeiten lebten noch überall auf der Welt mächtige Drachen. Manche waren gutmütig, frassen Pflanzen, Früchte und Wurzeln und taten sonst niemandem etwas zuleide.

Es gab aber auch gefährliche Drachen und giftige Lindwürmer. Sie raubten schöne Jungfrauen und schleppten sie in ihre Höhlen. Sie spien Feuer, frassen alles, was sie erwischen konnten, und ver- wüsteten ganze Länder. Einer der boshaftesten Drachen war der Basilisk. Schwarze Hähne legten schwarze Eier und brüteten sie auf Schlangen oder Krötenmist aus. Heraus schlüpften die gespenstischen Basilisken. Alle Leute, die einen schwarzen Hahn besassen, mussten darum sehr gut auf ihn aufpassen. Der Basilisk war zwar ziemlich klein, dafür aber umso gefährlicher. Seinen Kopf schmückte ein Hahnen- kamm. Er hatte den geflügelten Leib eines Drachen und einen langen, schlangenartigen Schwanz, dicke, kräftige Hinterbeine und an den Füssen spitze, gebogene Krallen. D er Basilisk konnte schneller rennen als jedes andere Tier. Er flitzte aufrecht über Teiche und Bäche, ohne einzusinken. Sein Atem war so giftig, dass in seiner Umgebung alle Pflanzen verdorrten. Das Gefährlichste an ihm waren jedoch seine Augen. Sein stechender Blick tötete jeden, der ihm in die Augen sah.

Verena und Andreas Jenny 100 Jahre Trudi Gerster – Das Märchenbuch 272 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-7245-2370-3 CHF 29.80 Jetzt erhältlich unter: www.reinhardt.ch

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