Messerschmitt Online Blick ins Buch

Höhen und Tiefen 15

Roluf Lucht, ehemals Chefingenieur im Tech- nischen Amt des RLM und damit enger Mit- arbeiter von Erhard Milch. Neuer Aufsichts- ratsvorsitzender der Messerschmitt AG wur- de Friedrich Wilhelm Seiler. Im Bombenhagel Seit 1942 flog die US-Luftwaffe gezielt Bom- benangriffe bei Tag gegen militärische Ein- richtungen. Die im Süden des Reichsgebiets liegenden Messerschmitt-Werke blieben da- von zunächst verschont, da sie außerhalb der Reichweite von alliierten Begleitjägern lagen. Am 17. August 1943 griffen unter hohen Ver- lusten erstmals US-Bomber das Werk in Re- gensburg an, wobei schwere Schäden entstan- den und 397 Menschen den Tod fanden, dar- unter 91 Lehrlinge. Hinzu kamen 250 Verletzte. Die hohe Opferzahl kam nur des- halb zustande, weil die Werksleitung der Be- legschaft trotz Fliegeralarm verboten hatte, das Fabrikareal zu verlassen. Dabei hätte man gewarnt sein müssen, da drei Tage zuvor die WNF in der Ostmark erstmals bombardiert worden waren. Am 25. Februar 1944 erwisch- te es das Hauptwerk bei Augsburg besonders schlimm, das zu etwa 75 Prozent zerstört wurde. Weitere Angriffe folgten. Zwar konnte die Produktion in Regens- burg nach der ersten Bombardierung binnen drei Wochen wieder anlaufen, doch hatte man bereits von August 1943 an mit der Aus- lagerung einzelner Baugruppen und Dezent- ralisierung der Fertigung begonnen, die 1944/45 ein Höchstmaß an organisatorischer Perfektion aufwies. Vom kleinen Fertigungs- betrieb bis hin zu Stollen- und Waldwerken waren die unterschiedlichsten Produktions- orte vertreten. So etwa das direkt neben der Autobahn etwa 30 Kilometer westlich von Augsburg errichtete Waldwerk Kuno oder auch das in St. Georgen an der Gusen bei Linz errichtete, riesige unterirdische Werk B8

Bergkristall. Beide dienten der Me-262-Pro- duktion. Auch beschäftigte Messerschmitt bereits 1941 schlecht bezahlte ausländische Arbeiter, vielfach Frauen, und erhielt beson- ders in den Jahren 1944 und 1945 zuneh- mend Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter zugeteilt. Untergebracht in Außenlagern mussten sie unter oft widrigsten Umständen beim Neubau von Fertigungsstät- ten sowie in der Produktion arbeiten. Die faktische Gefahrenlage vor Augen be- gann man im Oktober 1943 damit, die kom- plette Entwicklungsabteilung, einschließlich Projekt- und Konstruktionsbüro, Statik und Versuchsbau, mit 2200 Mitarbeitern von Augs- burg nach Oberammergau zu verlegen. Unter- gebracht in der Conrad-von-Hötzendorf- Kaserne und getarnt als Oberbayerische For- schungsanstalt arbeitete die Messerschmitt- Mannschaft dort vom Feind ungestört, wenngleich zunehmend schlechter versorgt, bis kurz vor Kriegsende weiter. So baute man quasi noch bis „Dienstschluss“ am Projekt 1101, dem ersten Flugzeug mit variabel ein- stellbaren, gepfeilten Tragflächen. Tatsächlich blieb der fortwährend ausgebaute Standort in

Von der alliierten Aufklärung unentdeckt geblieben: Me 262 aus dem Waldwerk „Stauffen“, ein paar Kilometer östlich von Obertraubling.

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