und danach auf engstem Raum. Erst in den 1990er-Jahren verließen die letzten Gul- lah-Nachfahren das Anwesen. Auf einer unscheinbaren Wiese hält Miller für einen Moment inne. „Das hier ist der Friedhof der Sklaven“, sagt er leise. Kein Kreuz, kein Grabstein, nur ein handbeschriftetes Schild markiert die Fläche: „Heilige Grab- stätte unserer afrikanischen Vorfahren“, steht darauf in krakeligen Buchstaben. Es ist ein Ort des stillen Gedenkens, der tief unter die Oberfläche führt – und berührt. Reise durch die Jahrhunderte Zurück in Charleston endet Millers Tour an einem weiteren geschichtsträchtigen Ort: der Gadsden’s Wharf. An dem ehe- maligen Hafenkai kamen einst zehntau- sende versklavte Afrikaner an, bevor sie an Großgrundbesitzer verkauft wurden. Heute steht hier das im Jahr 2023 eröffnete International African American Museum – ein Ort des Lernens, des Erinnerns und der Versöhnung. Kuratorin Malika Pryor begrüßt die Besu- cher mit tragender Stimme: „In dem Museum soll nicht nur die Vergangenheit erzählt, sondern auch der Blick in die
Jörg Michel
Jörg Michel lebt in Calgary in Kanada und schreibt für Medien wie Geo, Welt am Sonntag oder die Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung. Er ist Autor der Reiseführer „British Columbia und Alberta - 50 High- lights abseits der ausgetretenen Pfade“, die bei 360° medien erschienen sind. Online findet man ihn auf Facebook unter „Jörg Michel – Stories and Disco- veries in Canada“ oder auf joergmichel.ca
Eichen säumen den Weg zum Herrenhaus der McLeod Plantation.
Im International African American Museum geht es auch um die Gegen wart der Afroamerikaner.
Zukunft geöffnet werden.“ Das futuristi- sche Gebäude steht auf Stelzen, um den Boden darunter unberührt zu lassen: aus Respekt vor jenen, die hier einst unter unmenschlichen Bedingungen ankamen. In den Ausstellungen erzählen Filme, Fotos und Multimedia-Installationen von den Schicksalen afroamerikanischer Familien – viele von ihnen gehörten den Gullah an. Es ist ein intensives Erlebnis, das Geschichte nicht nur erklärt, sondern spürbar macht. Über Kopfhörer kann man Gullah-Dialekte hören, eine Mischung aus englischem und kreolischem Zungenschlag.
Nach ein paar Minuten ändert sich das Stadtbild. Auf dem Weg in die Vor- orte weichen elegante Villen schlichten Holz- häusern, Flachbauten und Fast-Food-Restaurants.
schleppt wurden, um dort auf den Reis- plantagen weißer Grundbesitzer zu arbei- ten. „Die Inseln vor Charleston sind unser Erbe“, sagt Miller. Sie gehören zum Gullah Geechee Cultural Heritage Corridor, einem geschützten Kulturraum, der sich entlang der Küste von North Carolina bis Nordflo- rida erstreckt – ein lebendiges Mosaik aus Sprache, Spiritualität und Tradition. … zur Plantage Miller stoppt auf James Island, vor einem weiß getünchten Herrenhaus mit mächti- gen Säulen – der McLeod Plantation. Der Ort wirkt wie aus einem Südstaatenro- man: Jahrhunderte alte Eichen säumen das Gelände, ihre knorrigen Äste formen ein natürliches Gewölbe über dem sattgrünen Rasen. Doch hinter der malerischen Fas- sade verbirgt sich eine dunkle Geschich- te. Eine von nur zahlreichen Plantagen rund um Charleston – darunter die Boone Hall Plantation, bekannt aus der TV-Serie „Fackeln im Sturm“. „Bis zu 250 Sklaven lebten und arbeiteten hier“, erklärt Miller und zeigt auf eine Rei- he schlichter Holzhütten, die wie das Her- renhaus heute zum Freilichtmuseum der der McLeod Plantation gehören. In ihren engen Räumen knarren die Dielenböden, der Kamin rußt, die Fenster sind klein und lassen kaum Licht herein. Mehrere Fami- lien lebten hier während der Sklavenzeit
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Miller hält an der Burke High School, einem wuchtigen Backsteinbau, der einst als eine der wichtigsten Bildungsein- richtungen für Afroamerikaner in South Carolina galt. „Weiße Schüler kamen erst Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung dazu“, berichtet Miller. Über Brücken und Dämme geht es weiter – hinaus auf die flachen Inseln vor der Atlan- tikküste von South Carolina. Hier beginnt das Herzland der Gullah. So bezeichnen sich die Nachfahren jener Sklaven, die im 17. und 18. Jahrhundert aus Westafrika in den Südosten von Nordamerika ver-
An der Gadsden's Wharf landeten einst Sklaven aus Westafrika an, heute steht dort ein Museum zur afroamerikanischen Geschichte.
Tourguide Al Miller bringt Besuchern die afroameri kanische Geschichte von Charleston nahe.
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