Einsamkeit und Hitze Manche Etappen haben es in sich: Es sind gar nicht mal die 120 Kilometer und die vielen Höhenmeter, sondern eher die Tatsache, dass dazwischen nichts ist. Also wenn ich „Nichts“ schreibe, dann heißt das: zwei Parkplätze mit Plumpsklo und vielleicht drei einsame Häuser oder Blockhütten. Dazu Temperaturen ab mit- tags bei 30 Grad im Schatten – fünf Liter Wasser hatte ich dabei, insgesamt sieben oder acht Liter getrunken, da ein Autofah- rer anhielt und mir was anbot! Schatten gibt es an der Strecke kaum – es sei denn, man kraxelt zu einem der Bäche hinunter und leistet den Mücken Gesellschaft. Nicht immer sind die Strecken spektaku- lär. Manchmal heißt es einfach „nur Stre- cke machen“ und den inneren Schweine- hund überwinden. Irgendwann merke ich, dass 120 Kilometer Radfahren, beladen mit über 30 Kilogramm Gepäck, bei über 30 Grad im Schatten einfach zu viel sind: Mir wird schwindlig und ich suche mir ein schattiges Plätzchen unter einer Brücke. Weite Wege Ein einheimisches Paar, das eine kleine Lodge betreibt, erzählt mir, dass sie alle zwei Woche 1300 bzw. 1400 Kilometer für den nächsten Einkauf nach Whitehorse oder Terrace fahren! Einmal zum „Shop-
Reinhard Pantke und sein vollbeladenes Biobike vor dem Bear Glacier
pen“ von Bremen nach München fahren, entlang der Strecke hier in Kanada leben dann keine 1000 Menschen. Da ich schon um sechs Uhr auf dem Rad bin, kann ich wenigstens bis Mittag die ersten 60 Kilometer bei erträglichen Temperaturen fahren. Irgendwann merke ich, dass mir leicht schwindelig wird, ein kleiner Sonnenstich kündigt sich an, ich suche mir einen kühlenden Bach, den ich mir mit den Mücken und Horseflies (gro- ßen „Pferdebremsen“) teilen muss. Aber jetzt irgendwo schlapp zu machen, könnte fatale Folgen haben: Ab dem späten Nach- mittag passiert mich in meine Richtung vielleicht noch ein Auto pro Stunde. Irgendwann erreiche ich „Jade City“, einen Weiler mit sage und schreibe 30 Einwoh- nern, bekannt für Jade. Heute besteht der
Historische Main Street von Stewart
Hyder und die Bären ... Nur zwei Kilometer entfernt liegt der „Geisterort“ Hyder in Alaska, der von etwa 80 Menschen bewohnt wird. Da der Ort eine Sackgasse ist, gibt es auf Alaskas Seite der Grenze keine Kontrollen – aber wer wieder nach Kanada zurück möchte, muss seinen Ausweis vorzeigen. In frühe- ren Zeiten fuhren viele dort rüber, um in einer der Bars ordentlich zu bechern, da die Preise auf „dieser Seite“ weit niedriger waren. Dem Treiben setzten die Dorfpoli- zisten aus Kanada aber irgendwann ein Ende. Heute gibt es rund sechs Kilometer flussaufwärts einen der besten Plätze, um Grizzlies zu beobachten. Leider sind die Lachse noch nicht vor Ort und die Bären entsprechend auch nicht. Meist kommen die Lachse ab Mitte Ende Juli: Wer das sehen will, sollte zudem ein Ticket online erwerben. Von Stewart geht es weiter nach Norden, nächster Supermarkt und wohl auch das nächste Mal Handyempfang sind in Dease Lake, das ist fast 400 Kilometer entfernt. Als Radfahrer muss man schon etwas pla- nen, wenn es darum geht, Verpflegung für ein paar Tage in den Packtaschen dabei zu haben.
Heute sind es nur noch rund 400 Einwoh- ner, es gibt mehrere Unterkünfte, ein paar Restaurants, einen Supermarkt (der alles hat von Schnürsenkeln bis hin zu Käse) und sogar eine kleine Krankenstation. Seit zwei Jahren gibt es erstmals Handyemp- fang, zumindest immer mal wieder ... Es macht Spaß, vorbei an den alten Haus- fassaden zu schlendern, die alten Bauma- schinen und Oldies zu entdecken und im kleinen Supermarkt zu stöbern. So einiges scheint hier noch aus der Pionierzeit an den Straßenrändern zu liegen.
52
53
Riesige Entfernungen sind die Normalität, während abends die Verkehrsdichte oft gegen Null geht.
Orginales (?) Schild in Hyder
Made with FlippingBook Online newsletter maker