Frischer Hummer Wenn der Atlantik wieder hoch genug steht, beginnt für Neil Davis der Arbeits- tag. Der Hummerfischer aus Alma ist seit fast einem Jahrzehnt mit seinem Kutter in der Bay of Fundy unterwegs. Mit zwei Kollegen fährt er in der Saison raus aufs Meer, um Dutzende Fallen aus dem Was- ser zu ziehen. In der Hoffnung auf einen guten Fang – auf Tiere, die bis zu zehn Kilo schwer und über hundert Jahre alt werden können. Davis’ frische Ware lan- det direkt im Lobster Shop von Alma, einem der bekanntesten Fischrestaurants in New Brunswick. Davis ist gerade vom Boot gekommen, trägt grüne Gummistie- fel, einen dicken Parka dazu blaue Hand- schuhe. Die schützen ihn bei der Arbeit vor den scharfen Zangen der Tiere. Davis bringt die Tiere in die Lagerhalle des Res- taurants. Tausende Hummer schwimmen dort in gewaltigen Becken. „Diese Tiere in unserem Becken sind wahrscheinlich mehrere Millionen Dol- lar wert“, meint Davis stolz, während die Menschen Schlange stehen, um einen Tisch zu ergattern. Denn ein Hummerme- nü gehört für viele Reisende dazu: Für 38 kanadische Dollar gibt es hier einen frisch gekochten Hummer, dazu Pommes und Butterbrot.
Wenn sich in Alma das Meer zurückzieht, dann liegen die Boote auf dem Trockenen.
de. Nirgendwo sonst ist die Kraft des Meeres so stark. Die Bay of Fundy liegt wie eine trichterförmige Bucht zwischen den Provinzen New Brunswick und Nova Scotia und wirkt wie ein riesiger Ver- stärker für Ebbe und Flut. Rund 160 Mil- liarden Tonnen Wasser werden täglich in die 270 Kilometer lange Bucht hinein- und wieder hinausgeschoben – eine Kraft, die nicht nur Land und Meer formt, sondern auch das Leben entlang der Küste.
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Spaziergang auf dem Meeresboden an den Hopewell Rocks
Im Lobster Shop von Alma sind die Tiere scheinbar überlebensgroß, wie Fremdenführerin Anna- Marie Weir zu zeigen weiß.
Viele Gäste bekommen das knallrote Krustentier bereits vorgeknackt serviert – doch echte Kanadier nehmen die Her- ausforderung selbst in die Hand. Wie das geht, zeigt Anna-Marie Weir, eine Frem- denführerin aus Moncton. Mit geübtem Griff bricht sie die Zangen ab, legt sie auf den Tisch und zerschlägt sie mit der blo- ßen Faust. Das helle Fleisch tritt hervor. Mit einem Zahnstocher kratzt Weir dann die letzten Reste aus der Schale – alles ohne Handschuhe. „Das beste Fleisch steckt in den Zangen“, sagt sie und lacht. Von bizarren Felsen … Weir kennt die Bay of Fundy wie ihre eige- ne Westentasche. Mit ihrem kleinen Bus bietet sie Tagestouren entlang der Küste an – vorbei an Leuchttürmen, stillen Buch- ten und durch Fischerdörfer, die wirken,
als wäre dort die Zeit stehen geblieben. Zu ihren beliebtesten Zielen gehören die Hopewell Rocks, einer der eindrucksvolls- ten Orte in New Brunswick. Bei Ebbe wirken die bis zu 20 Meter hohen Sandsteinfelsen wie riesige Blu- mentöpfe in der Landschaft. Manche tra- gen Bäume auf ihren Häuptern, andere sind vom ewigen Auf und Ab der Gezei- ten blank geschliffen. Viele haben Spitz- namen: „Lovers Arch“ oder „Bear’s Rock“ etwa. Zwischen den skurrilen Formatio- nen schlendern Spaziergänger in Gum- mistiefeln durch den Schlick und Sand. Am Ende des Strandes: eine Betonplatt- form mit Treppe. „Dorthin flüchtet man, wenn die Flut schneller zurückkommt als gedacht“, erklärt Weir. Das Zeitfenster für einen Spaziergang ist schmal: Nur etwa drei Stunden – rund um den Tiefpunkt der
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