kraftvoll wie ein Dudelsack, erdig, mit Dut- zenden Doppelgriffen. Drei Generationen an den Tischen reagieren auf jeden Lagen- und Rhythmuswechsel mit anerkennen- dem „Yes!“. Schon am ersten Tag fühle ich mich im Wohnzimmer der Insel. Später erklärt Kenneth, woher dieser Vibe kommt. Weltweit tourt er in der keltischen Szene – und doch sieht er sich nicht als Künstler: „Wir sind Teil eines gemeinsamen Erlebens, eine Art ‚Social Experience‘. Auf Cape Breton Island geht’s ums Miteinander. Du kannst auf großen Bühnen spielen und zugleich in Pubs wie dem Red Shoe in Mabou – und dort ris- kieren, ausgelacht zu werden, weil keiner tanzt. Musik gehört hier allen.“ Dies wird kein Roadtrip wie jeder andere ... Im Rhythmus Am nächsten Tag fahre ich von Judique nach St. Anns – vorbei an roten Klippen, goldenen Wäldern, stillen Buchten. Zwei gälische Sprichworte begleiten mich: „Is fheàrr caraid anns an dùthaich na crùn air do cheann“ – ein Freund auf dem Land ist besser als eine Krone auf dem Kopf. Und: „Is ann a tha an saoghal a’ fàs beag nuair a bhios càirdeas ann“ – die Welt wird klein, wenn Freundschaft da ist. Kenneth nannte die alten Sprichworte Schlüssel zu Land und Leuten. Wie wahr. Auf dem Hwy. 19 verschmelzen Musik und Landschaft: Klippen wie kantige Fiddlestriche, ruhige Buchten wie sanfte Balladen. Freundschaft und Gemeinschaft hauchen jedem Kilo- meter Leben ein. St. Anns liegt am Ende einer stillen Bucht. Das Gaelic College thront auf einer Anhöhe mit Blick aufs Meer, ein Hort gälischer Sprache und Kultur. Während Celtic Colours tobt hier das Leben, und zwar nachts im legendären Festival Club. Von 23 bis 3 Uhr treffen sich Musiker, die tagsüber über die Insel verteilt aufgetre- ten sind, zum Jammen in der Great Hall of Clans – zwischen dicken Steinmauern, mit Tartanbannern an den Wänden und Bier an langen Holztischen.
Ole Helmhausen
Reisejournalist, Blogger und So- cial-Media-Ex- perte, lebt seit 1993 in Kanada. Seitdem bereist er das Land kreuz und quer,
stets auf der Jagd nach neuen Ge- schichten für GEO, FAZ, Spiegel- Online – und 360° NordAmerika. Ole lebt in Montréal. Mehr unter: out-of-canada.olehelmhausen.de
Judique: Kenneth MacKenzie (re.) sowie Geigenbauer und Fiddle Doctor Johannes Sturm
Top-Stimmung nachts im Festival Club im Gaelic College
und den USA, sollen sie nachspielen. Haltung, Strich, Ton – alles egal. Meine Mitstreiter schrammeln los, krumm an Holzstühlen hängend. Ich spüre, wie mei- ne Geigenlehrerin sich im Grab umdreht. Fiddling verlangt Groove statt Perfektion: kurze, harte Striche, viele Verzierungen - und Gehör statt gedruckter Wahrheit. Beim Mittagessen im Celtic Music Inter- pretive Center wird es klar: „The real deal“, flüstert mein Camp-Nachbar Dan ehrfürchtig, während Kenneth mal eben „Miss Lyall’s Strathspey“ weghaut – kantig,
Ich komme kurz nach Mitternacht. Der Saal ist voll, die Stimmung gut, nur die Technik streikt. „Talk with each other“, ruft die Fiddlerin – das Publikum tut’s ohnehin. Irische, australische, französi- sche Wortfetzen fliegen durch den Raum. Amerikaner mit irischen Wurzeln, Fran- zosen mit akadischen Familienbanden, ein deutscher Backpacker, der schwärmt, er habe noch nie so viele nette Menschen getroffen. Dann läuft der Ton wieder, die Fiddlerin startet traditionelle Reels, der Caller ruft Figuren – „Strip the Willow“ heisst diese alten Dreh-Tanzfiguren. Ich tanze mit, lache und verheddere mich, verliere jede Scheu. Auf dem Rückweg zum Motel ahne ich: Diesen Groove werde ich so schnell nicht wieder los. Im Groove Am nächsten Abend treffe ich die Fiddle- rin wieder – zwei Autostunden entfernt, in Belle-Côte bei Chéticamp. Im Gemeinde- saal spielt die Gruppe Beòlach. Ich frage, wie lange sie am Vorabend noch gespielt hat. „Lange“, sagt sie, grinst. „Fiddling ist keine Arbeit. Zu den Gigs fahren – das ist Arbeit. Unser Publikum merkt immer, dass wir Spaß haben.“ Wendy MacIsaac, Ehrentitel „Culture Bearer“, wuchs mit den Klängen und Tän- zen Cape Bretons auf. Sie spielt, gestaltet,
trägt weiter. Als Mit- gründerin von „Beòlach“ mischt sie die Einflüsse
ihrer akadischen, irischen und schotti- schen Vorfahren mit neuen Klangfarben. Der Auftritt der Truppe in Belle-Côte wird ein Kracher. Dudelsack, Tin Whistle, Fidd- le, Bass und agressives Piano verweben sich – der Saal bebt, jubelt, stampft. Cape Breton Island in reinster Form. Ich verlasse Chéticamp im ersten Licht. Kühle vom Atlantik, die Erinnerung an gestern Nacht noch frisch. Vor der Haube windet sich der Cabot Trail wie ein end-
78
79
Bloß keinen Stress: spontanes Tänzchen beim Ceilidh
Wendy MacIsaac, begleitet von der nächsten Generation: Nachwuchs ist kein Problem.
Made with FlippingBook Online newsletter maker