Michael Juhran
Michael Juhran ist als Reise- journalist und Mitautor von Büchern tätig. Er lebt in Königs Wuster- hausen bei Berlin.
Beim „Hollywood Location Walk“ zeigt John Hirchak auch Julia Roberts`Filmwohnung.
R aleigh, Durham oder Wilmington – kaum ein deutscher Reiseveran- stalter hat diese Orte in North Carolina in seinen Katalogen, auch wenn die weiten Sandstrände an den Küsten schon lange bei Einheimischen und Kanadiern beliebt sind. Reisende aus Deutschland erleben die USA hier abseits der üblichen Routen. Der Bundesstaat im Südosten ist unter anderem durch seinen Forschungsstand- ort „Research Triangle“ bekannt. Die Wis- senschaftshochburg zieht mit ihren drei Universitäten sowie zahlreichen Techno- logie- und Pharmaunternehmen kreative Menschen aus aller Welt wie ein Magnet an und wird auch bei amerikanischen Tou- risten zunehmend beliebter. Es ist eine Win-Win-Situation: Profitable Unterneh- men, lukrative Start-ups und gutbezahlte Forscher bringen Geld in die Countys und lassen dort Kultur, Architektur, Hotellerie und Gastronomie aufblühen. Nur zwei Autostunden östlich von Raleigh entfernt, liegt mit Wilmington einer der beliebtesten Urlaubsorte. An drei langen und breiten Stränden auf der vorgelager- ten Insel Pleasure Island lässt es sich von Ende April bis Ende September bestens relaxen und auch Surfer und Kitesurfer
Vom Strand zum Restau rant ist es am Carolina Beach nicht weit.
und Fernsehfilme, erzählt John Hirchak während seines „Hollywood Location Walks“ stolz. Die Drehorte für „Blue Vel- vet“, „The Crow“, „Dawson`s Creek“ oder „One Tree Hill” ließen „Wilmywood“ zur drittgrößten US-Filmstadt nach Holly- wood und New York aufsteigen. Auf der „Front Street“ lieferte sich John Travolta eine wilde Verfolgungsjagd mit der Poli- zei, Julia Roberts versuchte in der „Orange Street“ im Film „Sleeping with an Enemy“ ihrem verrückten Ex zu entkommen, Ste- ven Spielberg, Dennis Hopper und Stephen King gaben sich die Klinke in die Hand oder speisten in einem der Restaurants am malerischen River Walk, direkt am größ- ten Fluss North Carolinas, dem Cape Fear River. An jedem Abend avanciert der River Board Walk zur Flaniermeile für Einheimi- sche und Gäste, die einen Spaziergang mit dem Genuss köstlicher Fischgerichte ver- binden oder gerade von einer Schiffstour auf dem Fluss zurückkehren. Blick zurück … Doch es gab auch dunkle Zeiten in Wil- mington, erfahren Besucher man im Bellamy Mansion, einem repräsentativen Farmhaus samt Museum mit einem der wenigen erhaltenen Sklavenquartiere aus dem 19. Jahrhundert. Als sich in der Stadt nach dem Bürgerkrieg eine schwar- ze Mittelklasse etabliert hatte, rief dies den Neid reaktionärer Weißer hervor, die
im November 1898 ein schwarzes Ver- lagshaus stürmten und die demokratisch gewählte Stadtverwaltung stürzten. Bis zu 100 schwarze Bürger fielen dem in die Geschichte als Wilmington Massacre ein- gegangenen Ereignis zum Opfer, tausende flohen aus der Stadt. Anschließend ver- weigerte North Carolina seinen schwarzen Mitbürgern faktisch das Wahlrecht. Unter welch kargen Verhältnissen die Sklaven der Tabak-, Baumwoll- und Reisplanta- genbesitzer leben mussten, wird in den spärlich ausgestatteten Wohnräumen des Museums deutlich. … und nach vorne Mit seinen fruchtbaren Böden und dem feuchtwarmen Klima avancierte North Carolina im 19. Jahrhundert zur Hoch- burg des Anbaus und der Verarbeitung
kommen auf ihre Kosten. Kajak- und Stand- up-Board-Ausleihstationen ergänzen das Angebot. An Wochenenden tummeln sich Familien an den breiten Stränden, packen ihr Picknick aus und lassen es sich gutge- hen. Die zumeist kleinen Gästehäuser und Fischrestaurants sorgen für eine gemütli- che Atmosphäre, bis man beim Bummeln am Fort Fisher auf die rekonstruierten Teile des größten Forts der Konföderier- ten in der Endphase des Bürgerkrieges in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts trifft, das die Zufahrt zum Nachschubhafen in Wilmington sicherte. Zur Jahreswende 1864/65 unternahmen hier die Nordstaa- ten den größten amphibischen Angriff des Sezessionskrieges, eroberten das Fort und nahmen darauf auch Wilmington ein. Drei Monate später war der Krieg beendet. Hollywood lässt grüßen Das 120.000 Einwohner fassende Wilming- ton selbst begeistert heute mit einer Viel- zahl an klassizistischen Bauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. 240 historische Wohnblocks wurden seit den 1970er- Jah- ren sorgsam renoviert, erfährt man bei einer Pferdekutschentour mit Christian Berkey und seinen beiden Zugpferden Jake und Prince. Für diese einzigartige Kulis- se begann sich auch Hollywood seit den 1980er-Jahren zu interessieren und drehte hier bislang Sequenzen für über 500 Kino-
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Im Bellamy Mansion wird die Geschichte der schwarzen Sklaven arbeiter lebendig.
In den gemütlichen Restaurants in Wilmington fühlten sich schon Steven Spielberg, Dennis Hopper und Stephen King wohl.
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