enden aber auch schon die Erkenntnisse der Biologen. Warum sich der sogenann- te Kermodismus erhalten hat und welche Vorteile im Überlebenskampf er haben könnte, vermochten sie bis dato nicht schlüssig zu erklären. … Storys der First Nations Die hier seit Jahrtausenden lebenden Git- ga'at haben sehr wohl eine Erklärung für die weißen Bären: Sie erzählen sich, dass ihr großer Kreator, der Rabe, einen von zehn Bären weiß schuf, um die Menschen an die Zeit zu erinnern, als lebensfeindli- che Gletscher das Land im Klammergriff hielten, und dass sie dankbar sein sollen für die heutige Fruchtbarkeit der Küste. Viele Gitga'at schreiben den Geister- bären deshalb übernatürliche Kräfte zu und nennen sie „Spirit Bears“. Marven, der Biologie studiert hat, lächelt diplo- matisch, wenn er auf solche Geschichten
Buckellachse stehen auf der Speisekarte der Petze ganz oben.
Erst als die Europäer gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Pelzhandel im großen Stil einführten, begannen indianische Jäger, Schwarzbären zu erlegen. „Doch es war ein Tabu, einen weißen Bären zu töten – so ist es noch heute. Bei Tisch haben wir nicht einmal über ihn gesprochen.“, sagt Marven. Für den Kermode-Bären war das eine Art Lebensversicherung. Die Gitga᾿at und benachbarte Stämme redeten nicht über ihn und vermieden so, dass die Pelztierjäger von ihm erfuhren. Und heutige Hobbyjäger und Wilderer? „Ich möchte niemandem empfehlen, ihn auf unserem Territorium zu erlegen“, sagt Marven mit Schärfe in der Stimme. Erfolgserlebnis Plötzlich knackt es in den Büschen. „Schau‘, dort drüben ist er“, flüstert Mar- ven. Ich sehe zunächst – nichts. Doch dann
angesprochen wird. Spurensuche
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Wir folgen dem Bach flussaufwärts. Im Wasser drängen sich dicht an dicht Buckellachse. Und am Ufer liegen die Kadaver von Hundslachsen. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. „Siehst Du die Fische mit dem abgebissenen Kopf?“, flüstert Marven. „Heute Nacht ist hier ein Rudel Wölfe für eine Lachs-Mahlzeit vor- beigekommen. Sie fressen nur die Köpfe der Fische, weil das Hirn der fettreichste Teil des Körpers ist.“ Wir stapfen weiter, immer tiefer hinein in diesen mit Moosen und Farnen umwucherten Märchenwald. An einer Stelle mit freiem Blick zum Fluss lassen wir uns nieder. Und warten. Mar- ven hat weder Tatzenabdrücke auf dem morastigen Boden entdeckt noch weiße Haarbüschel an den Ästen – kein gutes Zeichen. Stunde um Stunde vergeht. Um von den blutrünstigen Moskitos abzulenken, erzählt Marven Bären-Geschichten. Das Fleisch der Tiere habe bei den Gitga'at fast nie auf dem Speiseplan gestanden.
Fliegenfischer haben es hingegen auf die wohl schmeckenden Silber- lachse abgesehen.
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