I m kurzen subarktischen Sommer erwacht in Churchill das Leben. Zwischen Belugawalen, bunten Blumen und weiten Tundralandschaften zeigt sich Kanadas Norden von seiner sanfteren Seite. Doch Vorsicht! Gelegent- lich ziehen auch Eisbären ihre Runden ... „Einsteigen bitte“, ruft der Schaffner am Bahngleis in Winnipeg, und schon ver- lässt der Zug Nummer 693 die Stadt. Auf unserem langen Weg an die Hudson Bay fahren wir mit unseren Waggons von Via Rail erst an riesigen Weizen- und Raps- feldern vorbei, dann an einer schier end- losen Kette von Seen und Flüssen. Es geht geradeaus, immer geradeaus, scheinbar in die Unendlichkeit hinein. Es ist Frühsommer, der Zug durchquert die Tundra, stundenlang, tagelang. Mit Tempo 30 wippen wir über die fragilen Gleisbette im Permafrost. Unser Ziel: Churchill, die sogenannte Eisbärenhaupt- stadt der Welt. Ob wir auch im Sommer einige der größten Landraubtiere sehen werden? Ob die vielen Belugawale schon vor Ort sind, um in den Gewässern der Hudson Bay ihre Jungen aufzuziehen?
Knapp zwei Tage dauert die Zugfahrt in den hohen Norden, bei der die Sonne im kurzen subarktischen Sommer kaum untergeht. Mit an Bord des Zuges mit sei- nen silbernen Retro-Waggons: Touristen, die in Churchill Wildtiere beobachten wollen. Auch indigene Kanadier fahren mit, denn der Zug bietet neben dem Flug- zeug den einzigen Zugang nach Churchill. Eine Straße dorthin gibt es nicht. Abenteuer pur Am Morgen gibt’s ein letztes Frühstück, dann quietschen die Bremsen. Angekom- men! In Churchill hat es 20 Grad Celsius, doch über den Bahnsteig des 900-Ein- wohner-Dorfes pfeift ein kühler Wind. Die Schaffnerin berichtet, dass unweit des Gleises vor ein paar Stunden ein streu- nender Eisbär gesichtet wurde. Wildhüter haben ihn mittlerweile vertrieben. Das Abenteuer kann beginnen. Der erste Blick aus dem Tourbus offen- bart eine faszinierende Landschaft: Statt Wäldern erkennen wir Felsen, kleine Bäume und Büsche sowie die Gewässer der Hudson Bay, einem riesigen Rand- meer des Atlantiks. Ein gelbes Schild im Straßengraben warnt vor Eisbären. Sie
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Ankunft in der Tundra: der Bahnhof von Churchill
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