Schnelltriebwagen der 30er Jahre

Die Reaktion der Medien

man im Führerraum steht und durch die Beobachtungs- fenster die Strecke verfolgt, bekommt man eine Ahnung, was 150 Kilometer in der Stunde auf den Gleisen bedeu- ten. Der Zug frißt sich in den Schienenstrang, mit tödlicher Sicherheit zerreißt er gleichsam das Gewirr der Weichen und Kreuzungen, die wie ein Spinnengewebe um die Sta- tionen liegen, Signalmasten und Telegraphenstangen flitzen vorbei, daß man sie kaum mehr erkennen kann und doch liegt der Zug dank seines im Fahrgestell ruhenden Ge- wichts so ruhig auf den Schienen – in jeder Sekunde jagt er bei Höchstgeschwindigkeit über drei Normalgleise – daß nicht der Wagen, sondern die Landschaft zu fahren scheint. Unprogrammäßig, aber sehr lehrreich war ein Zwischen- fall auf der Hinfahrt nach Hamburg, der die Verkehrssi- cherheit des Triebwagens anschaulich zeigte. Durch

Pressebilder von der Probefahrt des „Fliegen- den Hamburgers“ am 30. Dezember 1932 am Lehrter Bahnhof in Berlin. Mit großem Medi- enecho präsentierte die Reichsbahn den An- bruch eines neuen Eisenbahnzeitalters. Fotos: RVM, Sammlung Dirk Winkler nicht nutzbringend gestalten könnte. Die Anord- nung der Sitze ist zweckmäßig so, daß bei nor- maler Besetzung jeder Fahrgast einen Sitzplatz erhält. Besondere Sorgfalt ist auf die Geräusch- dämpfung verwendet worden. Ein großer Gepäck- raum entlastet die Personenabteile. Ein Schild „Aussteigen während der Fahrt verboten“ wirkt sehr dekorativ. Der Schnelltriebwagen war auch bei seiner heuti- gen Fahrt sowohl in Berlin wie in Hamburg wieder Gegenstand der Bewunderung zahlreicher Neugie-

riger, die Bahnsteige und Bahnanlagen umsäumten. Während der „Fliegende Hamburger“ auf der Hinfahrt infolge des Bremsschadens zwei Minuten über die vorgesehene Fahrzeit, aber immerhin nur 143 Minuten für die 290 Kilometer lange Strecke benötigte, legte er die Rückfahrt auf die Sekunde genau in der festgesetzten Fahrzeit zu- rück.“ Auch der sozialdemokratische „Vorwärts – Berliner Volksblatt“ brachte in der ersten Beilage der Silvesterausgabe eine längere Meldung über die Pressefahrt. Hier war unter anderem zu lesen: „Nach mehreren Probefahrten fand gestern eine Pressefahrt nach Hamburg mit dem neuen Schnelltriebwagen statt. Der Blitzzug fuhr fahrplanmäßig um 15.05 Uhr wieder in Hamburg ab. Er traf pünktlich 17.35 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof ein. Der Zug hat die 286 Kilo- meter lange Strecke Hamburg-Berlin in 2 Stunden 30 Minuten zu- rückgelegt und seine Fahrzeit vom Vortag, an dem er eine Anzahl von Vertretern der Behörden beförderte, um fünf Minuten unterbo- ten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 130 Kilometer. Auf freier Strecke wurde eine Höchstgeschwindigkeit von 165 Kilometer entwickelt. Der Schnelltriebwagen ist 28 Proz. schneller gefahren als der übliche D-Zug, der eine Stundendurchschnittsgeschwindig- keit von 97 Kilometer zu verzeichnen hat. Der Zug hat so neu be- wiesen, daß er zur Zeit der schnellste Eisenbahnzug der Welt ist.

irgendeinen Umstand war die Bremsleitung undicht geworden. In voller Fahrt kam der Zug noch innerhalb der 1200-m-Grenze zum Stehen, da sofort, ohne daß der Führer auch nur einen Handgriff zu tun brauchte, die automatische Zugsicherung wirksam wurde. Inner- halb weniger Minuten war der Schaden behoben, und mit erhöhter Geschwindigkeit holte der Triebwagen die Verspätung bis Hamburg fast vollständig ein. Neben der automatischen Trommelbremse, ei- ner Neukonstruktion der Knorr-Bremsen, ist der Zug noch mit einer elektromagnetischen Schienenbremse und einer Oeldruck-Hand- bremse ausgerüstet. Außerdem – die Reichsbahn hat für alle Gefah- renquellen vorgesorgt – ist der Triebwagen zum erstenmal mit der „selbsttätigen Zugbeeinflussung“ ausgestattet, die ein Ueberfahren der Signale ausschließen soll, was bei hohen Geschwindigkeiten be- sonders wichtig ist. Steht ein Signal auf Halt und überfährt aus ir- gendeinem Grund der Zugführer das Signal, dann werden sofort elektrisch induktiv die Bremsen ausgelöst und die Dieselmotoren stillgelegt. Bei voller Fahrt kommt der Zug auf 1200 Meter – der Abstand der Signale voneinander – zum Halten. Die Innenausstattung des „Fliegenden Hamburgers“ entspricht unge- fähr der eines Zweiter-Klasse-D-Zugwagens. Zwischen beiden Wa- gen-Hälften ist eine kleine Bar eingerichtet, da sich ein Speise- wagen-Betrieb auf der in rund 140 Minuten durchfahrenen Strecke

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