Wasser der Alpen Blick ins Buch online

Bernd Ritschel · Michael Ruhland Felix Neureuther · Christian Neureuther

der Al pen Das WASSER

Der kostbarste Schatz

der Berge und wie wir

ihn bewahren können

Wimbachklamm, Berchtesgadener Alpen

INHALT

VORWORT

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GRUSSWORT

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URSPRUNG ALLEN LEBENS

22 24 36 44 54 64 74 86 94

Das Werk des Wassers – der besondere Schatz aus den Bergen  Im Element: Partnachklamm und Höllentalklamm  Die Vorbilder – Flusswildnis am Tagliamento und Lech 

Der junge Fischer vom Walchensee 

KUNST DER VERWANDLUNG

Am Kipppunkt – Gletscher im Treibhaus 

Die nassen Helden – Auen und Moore als CO 2 -Speicher  Hütten unter Hochdruck: Das Wasser wird knapp 

FORMENSPIEL

106 114 126 134 144 146 156 168

Die Alpen als Wetterverstärker  Blatten, Bondo und die Bergstürze 

Walle, Walle, Wasser fließe! 

WALD UND WASSER

Der Bergwald, eine stille Größe 

Superman Baum – Urwald in den Kalkalpen  Quellen der Freude – die Kärntner Nockberge 

KRAFTQUELLEN

176 178 190 202 212 220 228 238

Das Laufwunder vom Walchensee  Das Megaprojekt im Tiroler Längental 

Das Tal der Unbeugsamen 

Giganten aus Beton 

ÜBERFLUSS UND MANGEL

Hochwasserschutz im wasserreichen Lauterbrunnental 

Die Kunst der alpinen Bewässerung 

WASSER IM WANDEL

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Das Gefühl der Freiheit – Wassersport als Lebenselixier  250 Am Ende kommt der Wasserstoff – nachhaltige Hüttenprojekte  258 Das Dach der Dächer – die Alpenschutzkommission CIPRA  266 Systemwechsel: Neue Ideen braucht der Wintersport  274

Quellen, Impressum 

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URSPRUNG ALLEN LEBENS

Das Werk des Wassers – der besondere Schatz aus den Bergen Im Element: Partnachklamm und Höllentalklamm Die Vorbilder – Flusswildnis am Tagliamento und Lech Der junge Fischer vom Walchensee

DAS WERK DES WASSERS

Die Berge, wie wir sie heute bestaunen, hat das Wasser in all seinen Aggregatsformen erschaffen. Gletscher und Flüsse haben die Täler und das Alpenvorland geformt. Die Erosion geht unablässig weiter. Und das Wasser der Alpen wird in Zeiten des Klimawandels für die Zukunft Mitteleuropas noch wichtiger.

B eim Aufstieg zum Pass Lunghin verdun- keln sich die Wolken. Wir legen einen Schritt zu, ein Gewitter auf 2645 Metern wäre eine böse Überraschung. Die Passhöhe gehört uns allein, kein Wanderer ist zu sehen. Es gibt hier nichts außer Schotter, Geröll – und einem Wegweiser. Der bietet keinen Schutz, lässt uns aber kurz innehalten. Weiße Schilder zeigen in drei Himmelsrichtungen und weisen auf eine Wasserscheide hin, die in den Alpen einzigartig ist. Nach Süden fließt das Regen- oder Schmelzwasser über die Mera und Adda durchs Bergell und landet im Po und schließlich in der Adria. Der Gebirgsbach Eva dal Lunghin bringt den Niederschlag nach Nordwesten zur

Julia und weiter zum Rhein, der wiederum nach seiner langen Reise in die Nordsee mündet. Und der Inn, der im 150 Höhenmeter unterhalb gelegenen Lägh dal Lunghin seine Quelle hat, wie der Lunghinsee im Bergeller Dialekt heißt, fließt in östlicher Richtung zum Silser See und liefert seine großen Wassermengen später an die Donau und damit bis ins Schwarze Meer. Ein Regentropfen am Pass Lunghin kann also je nach Wetterlage und Windrichtung in drei ver- schiedenen Meeren landen. Schöner Gedanke, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wolkenfetzen branden von Süden her über den Piz Lunghin (2780 m) und verheißen nichts Gutes. Ein dumpfes Grollen wirkt als zusätzliche

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DAS WERK DES WASSERS

Warnung, wir steigen schleunigst ab zum Lun­ ghinsee. Kaum haben wir die Regensachen über- gezogen, peitscht der Wind Regen und Graupel in alle Richtungen. Wir kauern uns in eine Boden- mulde und haben Glück, dass uns das Gewitter nur streift. 20 Minuten später ist der Spuk vor- bei, der Himmel ist wieder klar, und im Abstieg nach Maloja leuchtet die Sonne auf das Ober- engadiner Hochtal mit den vier von der letzten Eiszeit vermachten Seen Silser-, Silvaplaner-, Champfèrer- und St. Moritzersee. Das unermüdliche Werk des Wassers Die Wanderung vom Septimerpass über den Lunghin ins Engadin zeigt im Kleinen den For- menschatz der Alpen, den Eis und Flüsse über die Jahrtausende geschaffen haben. Täler wie das Oberengadin wurden von großen Gletschern in U-Form ausgeschliffen. Weiter westlich hat der Hinterrhein die Schlucht »Via Mala« in das Gestein gefräst. Der Name »Schlechter Weg« bezeugt zugleich die Mühsal, mit der der Mensch solch natürliche Hindernisse zu überwinden suchte, in diesem Fall schon die Römer. Wer heute vom Anblick der Drei Zinnen in Ehrfurcht erstarrt oder am Südtiroler Ritten ungläubig vor einem Ensemble von Erdpyrami- den steht, die wie von Außerirdischen erschaf- fene Skulpturen wirken, der blickt überall auf das Werk des Wassers. Es ist eine stetige und kraft- volle Arbeit, die auch heute noch weitergeht. Manchmal ist sie filigran, wie das Schaffen eines Schnitzers oder Stuckateurs, manchmal brachial wie eine Tunnelbohrmaschine. Apropos Tunnel: Das Wasser wirkt auch im Verborgenen, im Innern der Berge. Kalkstein löst es beharrlich auf und schafft so nicht nur Einsturztrichter, sondern auch Höhlensysteme von gigantischem Ausmaß. Das Hölloch im Schweizer Kanton Schwyz ist mit aktu- ell 212 Kilometern erforschter Länge eines der größten Höhlensysteme der Welt. Der Höhen- unterschied zwischen dem tiefsten und höchsten Punkt der Höhle beträgt mehr als tausend Meter. Gletscher haben Milliarden Tonnen Alpenge-

Aus den 12 000 Millionen Tonnen Gestein des nacheiszeitlichen Bergsturzes von Flims schuf der Vorder­ rhein eine bizarre Flusslandschaft. Vierbeinige Kletterer fühlen sich in dem abschüssigen Gelände sichtlich wohl.

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DAS WERK DES WASSERS

stein zermahlen und in die Täler und das Vor- land geschoben. Flüsse haben das Geschiebe weitertransportiert und im Flachland als Kies, Sand und Schluff in Schwemmebenen abgela- gert oder bis in die Meere transportiert. Forscher haben ausgerechnet, dass die uralpine Masse auf diese Weise bereits um die Hälfte geschrumpft ist. Dennoch wachsen die Alpen Jahr für Jahr, weil sich die afrikanische Kontinentalplatte weiter- hin unter die eurasische Platte schiebt und die Bergregion anhebt – um ein bis zwei Millimeter pro Jahr. Man kann davon ausgehen, dass sich der Pro- zess der Erosion in den kommenden Jahrzehnten beschleunigt. Denn mit dem Abschmelzen der Gletscher verlieren die Berghänge an Stabilität, ihnen fehlt das Widerlager. Auch der auftauende

Permafrost, der das Gestein in großen Höhen wie ein Kitt zusammenhält, führt zu mehr Fels- und Bergstürzen. Was das bedeuten kann, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte der Alpen. Nach dem Ende der Würmeiszeit, der letzten größe- ren Kaltzeit, stürzten am Flimserstein im heutigen Graubünden vor etwa 9500 Jahren bis zu zwölf Milliarden Kubikmeter Fels in die Tiefe und rie- gelten das Tal ab. Der Vorderrhein staute sich zu einem großen See, doch das Wasser presste und grub sich im Laufe der Jahrhunderte durch das Trümmerfeld aus Kalkgestein und schuf so die Ruinaulta, die Rheinschlucht. Bis zu 350 Meter tief und 13 Kilometer lang, zeugt die Schlucht von der unbändigen Kraft des Elements. Der Rhein kann gut als Pate stehen für die circa 13 000 Kilometer an Flüssen, welche die

Der Fetthennen-Steinbruch (Saxifraga aizoídes) mag’s feucht und ist oft im Geröllvorfeld von Gletschern anzutreffen.

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URSPRUNG ALLEN LEBENS

Mit dem Rückzug der Gletscher bilden sich in ihrem Vorfeld neue Seen, wie hier am Chessjengletscher (Walliser Alpen).

Internationale Alpenschutzkommission CIPRA im Alpenraum ausweist. Bis zur Mündung in den Bodensee hat er 167 Kilometer zurückgelegt (und nur die zählen zur Statistik der Alpenflüsse). Doch selbst 1065 Kilometer weiter, an der Mündung in die Nordsee, stammt fast die Hälfte seines Was- sers aus den Alpen. Noch eine Zahl lässt aufhor- chen: Von Mai bis August bestehen 50 Prozent des Rheinwassers aus Schmelzwasser. Und ein Fünftel des Wassers der Rhone und des Po sind im Sommer allein Gletscherschmelzwasser. Alpenwasser – für Millionen Menschen überlebenswichtig Wenn die Gletscher verschwunden sind, wird sich das Problem der Wasserknappheit in trockenen Sommern wie 2022 also noch verstärken. Damals kam die Rheinschifffahrt über Wochen zum

Erliegen, was beispielsweise Kraftstoffpreise im Süden Deutschlands in die Höhe trieb. Bilder von einem teilweise ausgetrockneten Flussbett des Po haben sich in jenem Dürresommer nicht nur ins Gedächtnis der Norditaliener eingebrannt. Im Juli 2022 wurde in mehreren Regionen Nord- italiens der Notstand ausgerufen. Die Schweiz erreichte ein Hilferuf der italienischen Wasser- versorger, sie möge doch den Abfluss des Lago Maggiore erhöhen, um dem Po mehr Wasser zuzuführen. Allein die Stauseen im Tessin und Piemont waren wegen des schneearmen Win- ters nur zu einem Drittel gefüllt – das Bittgesuch wurde abgelehnt. Die großen Flüsse Mitteleuropas, sie alle werden vom Alpenwasser gespeist. Selbst die Donau, die im Schwarzwald entspringt, führt auf Höhe von Wien zum größten Teil Wasser, das ihr Alpenflüsse wie der Inn zugeführt haben.

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DAS WERK DES WASSERS

Hydrologen gehen davon aus, dass 40 Prozent des Süßwassers Europas aus den Alpen kommen. 14 Millionen Menschen wohnen in dem Gebirge, weitere 20 Millionen in einem Umkreis von 40 Kilometern am Rand der Alpen. Rechnet man die Bevölkerung zusammen, die mit Alpenwasser versorgt wird, kommt man auf gut 170 Millionen Menschen. Das entspricht mehr als einem Drittel der EU-Bevölkerung. Notwendiger Schutz der Alpenflüsse Das Einzugsgebiet der Flüsse zu schützen und sie wieder in einen natürlicheren Zustand zu ver- setzen, gehört zu den Zielen, die sich die CIPRA und die EU gesetzt haben. An Rhein und Rhone sind Erneuerungen des Hochwasserschutzes am Laufen, die diese Abschnitte auch renaturieren. Das Projekt Rhesi am Unterlauf des Alpenrheins, das Österreich und die Schweiz gemeinsam umsetzen, sieht zum Beispiel vor, das Flussbett auf eine Breite von 200 bis 500 Metern aufzuwei- ten. Damit kann der Fluss deutlich mehr Wasser bewältigen – laut Projekt bis zu 4300 Kubikmeter pro Sekunde, was einem 300-jährlichen Hoch- wasserereignis entspricht. Zwei Milliarden Fran- ken geben die beiden Alpenländer dafür aus. Die »3. Rhonekorrektion«, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) die Maßnahme nennt, ist noch umfangreicher und teurer. 3,6 Milliarden Franken gibt die Schweiz laut BAFU aus, um den Flusslauf auf einer Länge von 162 Kilometern hochwasser- tauglicher und zugleich naturnäher zu gestalten. Es ist das größte Hochwasserschutzprojekt der Schweiz. Dass Hochwasserschutz und Renaturierung harmonieren können, hat das Projekt »Isar-Plan« mitten in München bewiesen. Vom Jahr 2000 bis 2011 wurde die innerstädtische Isar auf einem acht Kilometer langen Stück naturnah gestaltet. Seither ist die bayerische Landeshauptstadt nicht nur besser vor Hochwasser geschützt, sondern hat für vergleichsweise günstige 35 Millionen Euro ein ausgezeichnetes Naherholungsgebiet erschaffen. Ein Vorzeigeprojekt – nicht nur für den Alpenraum.

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