DAS WERK DES WASSERS
Die Berge, wie wir sie heute bestaunen, hat das Wasser in all seinen Aggregatsformen erschaffen. Gletscher und Flüsse haben die Täler und das Alpenvorland geformt. Die Erosion geht unablässig weiter. Und das Wasser der Alpen wird in Zeiten des Klimawandels für die Zukunft Mitteleuropas noch wichtiger.
B eim Aufstieg zum Pass Lunghin verdun- keln sich die Wolken. Wir legen einen Schritt zu, ein Gewitter auf 2645 Metern wäre eine böse Überraschung. Die Passhöhe gehört uns allein, kein Wanderer ist zu sehen. Es gibt hier nichts außer Schotter, Geröll – und einem Wegweiser. Der bietet keinen Schutz, lässt uns aber kurz innehalten. Weiße Schilder zeigen in drei Himmelsrichtungen und weisen auf eine Wasserscheide hin, die in den Alpen einzigartig ist. Nach Süden fließt das Regen- oder Schmelzwasser über die Mera und Adda durchs Bergell und landet im Po und schließlich in der Adria. Der Gebirgsbach Eva dal Lunghin bringt den Niederschlag nach Nordwesten zur
Julia und weiter zum Rhein, der wiederum nach seiner langen Reise in die Nordsee mündet. Und der Inn, der im 150 Höhenmeter unterhalb gelegenen Lägh dal Lunghin seine Quelle hat, wie der Lunghinsee im Bergeller Dialekt heißt, fließt in östlicher Richtung zum Silser See und liefert seine großen Wassermengen später an die Donau und damit bis ins Schwarze Meer. Ein Regentropfen am Pass Lunghin kann also je nach Wetterlage und Windrichtung in drei ver- schiedenen Meeren landen. Schöner Gedanke, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wolkenfetzen branden von Süden her über den Piz Lunghin (2780 m) und verheißen nichts Gutes. Ein dumpfes Grollen wirkt als zusätzliche
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DAS WERK DES WASSERS
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