Warnung, wir steigen schleunigst ab zum Lun ghinsee. Kaum haben wir die Regensachen über- gezogen, peitscht der Wind Regen und Graupel in alle Richtungen. Wir kauern uns in eine Boden- mulde und haben Glück, dass uns das Gewitter nur streift. 20 Minuten später ist der Spuk vor- bei, der Himmel ist wieder klar, und im Abstieg nach Maloja leuchtet die Sonne auf das Ober- engadiner Hochtal mit den vier von der letzten Eiszeit vermachten Seen Silser-, Silvaplaner-, Champfèrer- und St. Moritzersee. Das unermüdliche Werk des Wassers Die Wanderung vom Septimerpass über den Lunghin ins Engadin zeigt im Kleinen den For- menschatz der Alpen, den Eis und Flüsse über die Jahrtausende geschaffen haben. Täler wie das Oberengadin wurden von großen Gletschern in U-Form ausgeschliffen. Weiter westlich hat der Hinterrhein die Schlucht »Via Mala« in das Gestein gefräst. Der Name »Schlechter Weg« bezeugt zugleich die Mühsal, mit der der Mensch solch natürliche Hindernisse zu überwinden suchte, in diesem Fall schon die Römer. Wer heute vom Anblick der Drei Zinnen in Ehrfurcht erstarrt oder am Südtiroler Ritten ungläubig vor einem Ensemble von Erdpyrami- den steht, die wie von Außerirdischen erschaf- fene Skulpturen wirken, der blickt überall auf das Werk des Wassers. Es ist eine stetige und kraft- volle Arbeit, die auch heute noch weitergeht. Manchmal ist sie filigran, wie das Schaffen eines Schnitzers oder Stuckateurs, manchmal brachial wie eine Tunnelbohrmaschine. Apropos Tunnel: Das Wasser wirkt auch im Verborgenen, im Innern der Berge. Kalkstein löst es beharrlich auf und schafft so nicht nur Einsturztrichter, sondern auch Höhlensysteme von gigantischem Ausmaß. Das Hölloch im Schweizer Kanton Schwyz ist mit aktu- ell 212 Kilometern erforschter Länge eines der größten Höhlensysteme der Welt. Der Höhen- unterschied zwischen dem tiefsten und höchsten Punkt der Höhle beträgt mehr als tausend Meter. Gletscher haben Milliarden Tonnen Alpenge-
Aus den 12 000 Millionen Tonnen Gestein des nacheiszeitlichen Bergsturzes von Flims schuf der Vorder rhein eine bizarre Flusslandschaft. Vierbeinige Kletterer fühlen sich in dem abschüssigen Gelände sichtlich wohl.
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DAS WERK DES WASSERS
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