MAPA_KW24_2019

Freitag, 14. Juni 2019 – Nr. 24 11

Muttenz

«Leute machen keine Spazier- gänge, Spaziergänge machen Leute» Buchvernissage

Der Basler Schriftsteller Daniel Zahno führt seine Leserschaft auf eine humorvolle und tiefschürfende Art und Weise durch seine Heimatstadt.

Im Kulturhaus Bider&Tanner signierte Zahno sein Werk. Der «Stadt- verführer» kam sichtlich gut an beim Publikum. Fotos Tamara Steingruber

Daniel Zahno lässt Spazier- gänger mit frischem Auge durch Basel schlendern. Er erzählt dabei Geschichten von Menschen und Tieren. Im Zentrum des jüngsten Werkes «Stadtverführer» des Schriftstel- lers Daniel Zahno steht Basel – ei- gentlichwieinjedemderzahlreichen Basler Stadtführer. Umsich vonden anderen zu unterscheiden, muss schoneinebesondere Ideeher. Basel hat kulturell so einiges zu bieten. Dass man hier aber auch auf Safari gehen kann, wissen wohl nur die wenigsten Einheimischen. «Spaziergänge sind etwas Lang- sames und eher etwas von gestern», leitet Daniel Zahno das Publikum an der Buchvernissage im Kultur- haus Bider&Tanner in sein Werk ein. Mit einem Schmunzeln meint er: «Das passt zu einem Schrift- steller. Spazieren sei aber ideal, um dem Gift der Aktualität – und Ak- tualität ist immer Gift – zu ent- kommen.» Zahno weiss, wovon er spricht, hat er doch bereits zwei Wanderführer für die Regionen rund umBasel beimFriedrichRein- hardt Verlag veröffentlicht. Das dritte Werk sollte nun durch die Stadt führen. Aber gibt es nicht bereits Dutzende Spazierführer? Diese Frage stellte sich, während er auf der Suche nach einer Idee war. «Immer, wenn ich eine besondere Idee haben soll, habe ich keine.» Der Schriftsteller streichelte das Fell seines Katers Oskar, der jede Von Tamara Steingruber

Auf Platz 2 der Bestseller-Liste Das Taschenbuch «Stadtver- führer»wurde letzteWoche vom Friedrich Reinhardt Verlag her- ausgegeben. Auf der Web-Seite www.reinhardt.ch kann das Werk des Basler Schriftstellers Daniel Zahno erworbenwerden. Im Kulturhaus Bider&Tanner, wo das Werk ebenfalls in der Buchhandlung und online unter www.biderundtanner.ch erhält- lich ist, fand die erfolgreiche Vernissage statt. Nach nur zwei Tagen im Verkauf landete der «Stadtverführer» auf Platz 2 der Bestseller-Liste «Die Top 5 der Woche» von Bider&Tanner. Frau Flüeler hat am Lehrerinnen- streik 1959 in Basel teilgenommen und sich für die Rechte der Frauen stark gemacht. Sie schrieb Ge- schichte und Zahno hat 40 Jahre nicht gewusst, dass er in einem Hotspot des Feminismus lebte. So entstand eine Route, die Zahno den «Women’s Walk» nennt. Dieser erinnert an weitere Frauen, die Basel geprägt haben. Im «Stadtver- führer» geht es darum, Basel neu zu entdecken und zu erfahren, was einem lange Zeit verborgen blieb. Auf Zahnos Routen gilt: «Leute machen keine Spaziergänge, son- dern Spaziergänge machen Leute.» Stadtführung «Women’s Walk» Freitag, 14. Juni, mit Daniel Zahno, Treff- punkt um 16 Uhr, Kohlenbergtreppe beim Haupteingang des Gymnasiums Leonhard.

Nacht ausgedehnte Spaziergänge unternimmt. Wenn man keine Idee hat, sollte man einfach seiner Lust und Nase folgen, wie Oskar es tut. Da kam der erste Gedanke, Tieren durch die Stadt zu folgen. Der Stu- bentiger scheint dafür aber etwas zu gewöhnlich zu sein. Neben Katzen gehören Elefan- ten zu seinen Lieblingstieren. Ein Elefanten-Trail durch die Stadt: das wäredochetwasBesonderes.Sofort kamen Zahno die zwei orientalisch angehauchten Elefanten amMüns- ter in den Sinn und der versteckte Dickhäuter auf dem Schlüsselberg. Das sind erst zwei Stationen, das reicht für einen richtigen Spazier- gang noch nicht. Der Schriftsteller hat die ganze Stadt nach weiteren Artgenossen abgesucht, doch sein Lieblingstier fand er nicht. Das Nashorn auf Rädern AmHeuberg läuft Zahno amHaus des CellistenMichael Pfeuti vorbei. Vor seinemHaus steht einNashorn. Da kam die Idee von einer Dick- häuter-Tour durch die Stadt. Als vierte Station kam das Kunstmu- seum in Betracht. Auf keinem der Bilder aber zeigte sich ein Elefant oder ein Nashorn. Die Idee wurde schnell wieder begraben. Zahno erinnerte sich aber an ein Bild von einem Urwald. Er schaute sich das Bild nochmals an. Ein Dickhäuter war immer noch nicht zu sehen, dafür ein schöner Jaguar. Als er im Kunstmuseum auch noch eine Gi- raffe und einen Pavian mit seinem Jungen entdeckte, war ihm klar: «Ich mache eine Safari durch die Altstadt von Basel auf den Spuren von wilden Tieren.» Seine Erkennt-

nis: «Man muss sich einfache Ziele setzen, dann kann man sich kom- plizierte Umwege erlauben.» Man könnte auch sagen: «Es ist gut, vom Weg abzukommen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.» DasNashornvonPfeuti ist zwölf Jahre alt. 2007 fand ein Theater- festival statt, aufgeführt von Men- schen mit einer Behinderung. Im Rahmen dieses Anlasses wurden fast alle selbst hergestellten Deko- artikel verkauft. Einzig das lebens- grosse Nashorn aus Gips blieb übrig. Der Musiker Pfeuti kaufte es schliesslich und stellte es vor seine Tür. Das Tier auf vier Rädern wurde bereits in der zweiten Nacht von Unbekannten weggerollt. Dar- auf folgten zahlreiche weitere Atta- ckendurchVandalen.DasNashorn, welches von einer vorbeigehenden Spaziergängerin Luna genannt wurde, ist eine Art Sinnbild für die zunehmenden Ängste und Primiti- vität in der Gesellschaft. So wie Luna haben auch vieleweitere Tiere auf der Basler «Safari» eine Ge- schichte zu erzählen. Eine neue Liebe aus der Ferne Wer lange Zeit am selben Ort lebt, läuft Gefahr, nicht mehr richtig hinzusehen, sei es aus Gewohnheit oder Selbstschutz. «Aus der Ferne kann eine neue Liebe zur eigenen Stadt entstehen», weiss Zahno, der sowohl in Basel als auch in New York einen Wohnsitz hat. So hat sein Werk auch eine gesellschafts- kritischeNote,jagareinepolitische. Schlechte Politik hat Folgen, und um etwas zu verändern, braucht es auch nicht unbedingt Politiker. Zahnos ehemaligeDeutschlehrerin

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