MAPA_KW24_2019

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Muttenz

Freitag, 14. Juni 2019 – Nr. 24

Lauter blaue Wunder

AMS-Theaterkurse

Kolumne Der Taugenichts Wenn Fussballer Interviews geben müssen, dann tönt das oft so: «Es war eine gute Leistung von uns allen. Ich selbst habe gut gespielt, aberwichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat. Wir müssen nun dranbleiben und uns auf das nächste Spiel konzen- trieren.» Fragt man sie nach ge- sellschaftlichen Entwicklungen ausserhalb des Fussballs, kommt oft nicht mehr viel. Ich darf gelegentlich junge MenschenzumFussball-Schieds- richter ausbilden. Ich erlaubemir dann jeweils, beim Warm-Up- Quiz ein paar Fragen in Bezug auf die Allgemeinbildung zu stellen: «Wie heisst neben Viola Amherd und Karin Keller-Sutter die dritte Bundesrätin? Wie viel ergibt 13 mal 13? Wie heisst die Hauptstadt von Uruguay?» ZumeinemErschreckenkann meistens nur eine Minderheit diese Fragen korrekt beantwor- ten. Ich zweifle dann jeweils an unserem Bildungssystem, unse- ren Jugendlichen und ganz gene- rell an Gott und der Welt. Wo führt das hin, wenn man solche Fragen nicht mehr beantworten kann und die Welt von Tauge- nichtsen bevölkert wird? Kürzlich sass ich dann selbst in einer Weiterbildung und der Kursleiter fand es ebenfalls eine gute Idee, mit einemWarm-Up- Quiz zu starten. Seine Fragen betrafendannvorallemThemen aus den Bereichen Musik und Biologie. Von den 15 gestellten Fragen konnte ich genau eine beantworten. Ich verfluchte den Ausbildner innerlich für seine Themenwahl. Mein Allgemein- wissenwäre sobreit, under stellt mir ausgerechnet Fragen zu Themen, von denen ich keine Ahnung habe! Nun stehe ich als völliger Taugenichts da! Wiede- rum begann ich mit Gott und der Welt zu hadern. Seither hüte ich mich davor, Warm-Up-Ra- terunden zu veranstalten. *sollte ein von ihm mitausgebildeter Fussball-Schiedsrichter mal in einem Fernsehinterview etwas Gescheites von sich geben, wäre er zumindest ein bisschen stolz. Von Andreas Aerni*

mit diesen roten Nasen

Shopping auf dem Markt der billigen Arbeitskräfte. Ein Kunde (Elia Nägeli, Zweiter von  rechts) feilscht mit der Anbieterin (Celina Bachmann) über den Preis für eine neue «Nase» (von links: Azad Gökbas, Victoria Jungievicz, David Roos). Foto Reto Wehrli

bei Verschleiss auch einfach zu er- setzen. Ihre Fügsamkeit macht sie zu Opfern der Launen ihrer «Be- sitzer». Doch ihre ausdauernde Leidensfähigkeit wird belohnt – sie erringen allmählich Ansehen und entscheidende Positionen. In man- chen Quartieren wachsen sie gar zur Mehrheit heran. Schliesslich sind sie im ganzen Land zu einer selbstverständlichen Erscheinung geworden, über die sich niemand mehr Gedanken macht – da er- scheint eines Tages eine Fremde mit einer gelben Nase, und unter den Rotnasen entsteht die grösste Irri- tation… Der Blick auf Minderheiten Eine kugelige rote Nase im Gesicht reicht aus, um ihren Träger für die Mitmenschen bei aller sonstigen Ähnlichkeit befremdlich wirken zu lassen. Sie fällt auf, wirkt mitleid- erregend oder wird zum Stein der Anstossnahme. Es ist leicht nach- vollziehbar, sie als Chiffre für die Eigenarten kulturfremder Migran- ten zu interpretieren – doch ebenso gut mag sie für diskretere Merkmale stehen, in denen sich Minderheiten von der Majorität unterscheiden. Das Stück Keine Angst vor Nasen liess die zwölf jungen Mit- wirkenden mit sichtlicher Begeiste- rung ein frohgemutes Spiel zu einem sehr ernsten Thema aufziehen. Den Jugendlichen war dabei anzumer-

ken, mit wieviel Genuss sie den Erwachsenen den Spiegel vorhiel- ten. Dem Publikum seinerseits wurde hinter der unterhaltsamen Oberfläche ein Blick in die «Theater- werkstatt» eröffnet: Die lose Struktur der Handlung erlaubte es, dass die individuellen Szenen zu einer be- stimmten Situation weitgehend von den Darstellenden selbst entwickelt werden konnten. Das Stammpubli- kum der AMS erinnert sich: Die roten Nasen standen vor sechs Jahren schon einmal auf dem Pro- gramm der Theaterkurse – und es war hochinteressant zu sehen, wie unterschiedlich derselbe Stoff nun mit anderen Beteiligten ausgestaltet wurde. Darin drückte sich zugleich die Quintessenz der theaterpädago- gischen Arbeitsweise von Kursleite- rin Sonja Speiser aus – die jungen Menschen zu eigenständigem Spiel zu animieren. Die beiden Nasen- Vorstellungen waren die letzten Indoor-Auffüh- rungen dieser Saison. Sonja Speisers jüngste Gruppe begleitet am kom- menden Mittwoch, 19. Juni, das Publikum auf dem «Klangspazier- gang» der Musikschule.  *für die Allgemeine Musikschule Mitwirkende: Celina Bachmann, Noemi Bastian, Ariane Büttiker, Azad Gökbas, Victoria Jungievicz, Elia Nägeli, Nadia Nategh, Gisele Plavsic, David Roos, Jaël Ruch, Marc-Aurel Schaub, Alessia Schmid.

«Keine Angst vor Nasen» verabreichte mit Kinder­ spässen Denkanstösse zu Fremdenangst und sozialer Eingliederung.

Von Reto Wehrli*

Mit dem Schulsemester geht auch die Aufführungsreihe der Theater- kurse der Allgemeinen Musikschule dem Ende entgegen. Vergangene Woche zeigte eines der jüngeren Ensembles von Theaterpädagogin Sonja Speiser die hinterlistige Ko- mödie Keine Angst vor Nasen. Darin tauchen in einer Allerwelts- stadt unversehens Individuen mit einer roten Clownsnase im Antlitz auf. Anfangs reagieren die Einhei- mischen irritiert – es könnte sich ja auch um eine Krankheit handeln. Die Kontaktaufnahme mit den Neuankömmlingen fällt zudem schwer, da sie fremdsprachig sind und ganz andere Gebräuche pfle- gen. Sobald die Harmlosigkeit der «Nasen» jedoch feststeht, werden sie intensiv vereinnahmt – aber

nicht nur wohlwollend. Gelebte Integration

Die «Nasen» benehmen sich wie anständige Gäste, sie sind an- spruchslos und mucken nicht auf. Sie sind billige Arbeitskräfte und

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