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Reportage

kerin. So richtig. Wenn andere morgens ihren Kaffee getrunken haben, hab ich mir das erste Bier aufgemacht. Irgendwann hab ich eine Bekannte mit ihrer Hündin getroffen. Die hat dann vor uns mit einem anderen Hund gepim- pert und ich hab gesagt, wenn da was bei raus- kommt, dann nehm ich einen“, erinnert sie sich und lacht. Ein paar Wochen später wurde Lilly geboren und Karin hielt Wort. Als der Welpe schließlich acht Wochen alt war, holte sie die kleine Hündin zu sich. „Dann war der Hund da und ich hab erst mal weitergesoffen. Nach drei Tagen lag sie vor mir in ihrem Körbchen. Ich hab sie angesehen und mir gedacht: Was machst du da eigentlich? Du hast einen Hund und du säufst? Das geht nicht zusammen. Dann hab ich meinen ganzen Müll zusam- mengepackt und den ganzen Alkohol wegge- kippt und seitdem habe ich nicht mehr getrun- ken“, sagt sie stolz. Inzwischen ist Lilly elf Jahre alt. Für Karin ist sie mehr als nur ein Hund. Sie ist überzeugt davon, dass es sie ohne ihren Hund nicht mehr gäbe. „Ich weiß nicht, was ge- wesen wäre, wenn ich sie nicht hätte. Ich möch- te das auch gar nicht wissen. Aber ich habe Lilly mein Leben zu verdanken, auf jeden Fall.“ Appell an die Vernunft Für Karin, wie für viele andere Suchtbetroffene, ist ihr Hund eine wichtige Konstante. Jenny hat Verständnis für die Not der Menschen, sie hört zu und zeigt Hilfsangebote auf. Trotzdem steht das Wohl der Tiere für die Veterinärin an erster Stelle. Dazu sind manchmal auch har- te Worte nötig. Als eine Patientenbesitzerin mit einem winzigen Chihuahua-Welpen zur Be- handlung erscheint, fragt sie direkt, woher der

Für Karin ist die kleine Lilly wie eine Familie. Sie ist sich sicher: Sie verdankt der Hündin ihr Leben

versorgung braucht. Genesungsbegleiterin Christina Horn hat für die Tierärztin die Ter- mine vergeben. Sie koordiniert die Reihen- folge und achtet darauf, dass nur berechtigte Personen vorstellig werden. Behandelt werden ausschließlich Tiere von Personen in sozialen Randgruppen. „Für Bürgergeldempfänger bin ich nicht zuständig. Davon gibt es zu viele in Berlin. Das kann ich gar nicht leisten. Ich bin für die da, denen es noch sehr viel schlech- ter geht“, stellt Jeanette knapp klar. Bei ihrer Arbeit hat sie gelernt, dass sie klare Grenzen setzen muss – zum Wohle aller. Ihre Klienten sind ihr dankbar. Viele nennen die Tierärztin freundschaftlich Jenny und nehmen sich ihre Ratschläge zu Herzen. Mit Lilly die Sucht besiegt Karin mit ihrer kleinen Yorkshire-Dame Lilly ist heute als Erste an der Reihe. Lilly hat Augen- probleme und kratzt sich häufig, erzählt Karin. Prüfend mustert Jenny die kleine Hündin, inspiziert Fell, Ohren und Zähne. „Ihre Krallen sind ganz schön lang, Karin – läufst du nicht genug mit ihr?“, fragt sie und nimmt die Kral- lenschere zur Hand. „Doch doch, ich geh viel mit ihr“, versichert Karin. Lilly lässt die Untersu- chung zitternd über sich ergehen, während Karin ihr liebevoll über den Kopf streichelt. „Al- les gut, alles gut. Mama ist bei dir.“ Karin ist eine gestandene Frau. Ihr ist an- zusehen, dass sie in ihrem Leben schon viel durchgemacht hat. „Lilly hat mir das Leben gerettet“, erzählt sie. „Ich war starke Alkoholi-

Das Praxis-Mobil ist ein vertrauter Anblick

für Hilfesuchende mit ihren Hunden

56 Ein Herz für Tiere / Oktober 2025

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