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Nimmt man nicht den Meeresspiegel als Ausgangsniveau für die Höhen und Tiefen auf unserem Planeten, dann ist der Vulkan Mauna Kea auf der hawaiianischen Insel Big Island der höchste und zugleich mächtigs- te Berg auf Erden. 9754 Meter sind es von seiner Basis auf dem Ozean- boden des Pazifiks bis hinauf zu seinen Gipfelkratern. 5549 Meter liegen unter dem Wasserspiegel, 4205 Meter darüber. Der Mauna Kea würde den Mount Everest also um etwa 1000 Meter überragen, würde man die beiden Bergriesen auf ein gleiches Ausgangsniveau setzen. Alles relativ Es gibt aber auch viele Gegenden, die unterhalb des Meeresspiegels liegen und nicht von Wasser überdeckt sind, sondern die man trocke- nen Fußes betreten kann. Das Ufer des Toten Meeres zwischen Jor- danien und Israel ist die tiefste dieser Regionen auf der Erde. Es liegt 430 Meter unterhalb Normal Null (NN), also unterhalb des Meeres- spiegels. Einer der berühmtesten Orte unter Normal Null ist Badwater im wüstenhaften »Tal des Todes« in Kalifornien. Die Salzkruste dieses meist ausgetrockneten Salzsees ist mit 85 Metern unter dem Meeres- spiegel auch der tiefste Punkt des nordamerikanischen Kontinents. Ebenso heiß und unwirtlich ist es im Afar-Dreieck, einer Tiefebe- ne in Ostafrika, begrenzt vom Roten Meer im Norden, vom äthiopi- schen Hochland im Westen und dem Somali-Hochland im Südosten. Der Salzsee Lac Assal im Zentrum dieser Wüste liegt 155 Meter unter Normal Null und ist der tiefste Punkt des afrikanischen Kontinents. Der höchste Punkt Afrikas ragt etwa 1700 Kilometer weiter südlich in Tansania in den Himmel. Es ist der 5895 Meter hohe Kibo, der Haupt- gipfel des Kilimandscharo, eines der zugleich höchsten frei stehenden Bergmassive der Erde. Als tiefste Schlucht unseres Planeten gilt der 15 Kilometer lange Tigersprung-Canyon in der chinesischen Provinz Yunnan. 3900 Me- ter beträgt der Unterschied zwischen seinem höchsten und tiefsten Punkt. Der weltbekannte Grand Canyon im US-Bundesstaat Arizona im Südwesten von Nordamerika reicht dagegen »nur« bis zu 1800 Me- ter in die Tiefe. Uns Menschen, die wir mit einer Körperlänge von durchschnittlich etwa 1,80 Meter ausgestattet sind, erscheinen diese Höhen und Tie- fen riesengroß. Gemessen am Erdradius von 6371 Kilometern sind sie jedoch winzig klein. Hätte die Erde die Größe eines Fußballs, wäre der Mount Everest nur etwa 0,15 Millimeter hoch. Das ist der Durchmesser eines sehr feinen, kaum sichtbaren Sandkorns. Der Faktor Zeit Dass sich das Relief und damit die Landschaften der Erde mit ihren Bergen und Tälern ständig verändern, nehmen wir Menschen nur dann wahr, wenn dies innerhalb von kurzen, für uns überschaubaren Zeiträumen passiert. Wie zum Beispiel beim Ausbruch des Vulkans Mount St. Helens im Jahr 1980, dessen Gipfel innerhalb von wenigen Minuten in die Luft gesprengt wurde. Danach war der Berg 411 Me- ter niedriger, die Flusstäler an seinem Fuß waren verschüttet und die Wälder niedergemäht. Oder bei schweren Erdbeben, bei denen sich sekundenschnell kilometerlange und viele Meter tiefe Risse in der Landschaft auftun. Oder auch an Gezeitenküsten, wo das Meer inner- halb von Stunden im Rhythmus von Ebbe und Flut oft einen Hunderte Meter, manchmal sogar viele Kilometer breiten Streifen Meeresboden freigibt und ihn dann wieder überspült. Und Sanddünen können, ab- hängig von den Windverhältnissen, im Lauf von Monaten oder Jahren viele Meter weit über den Boden von Wüsten oder auch Meeresküs- ten wandern. Kaum mehr fassbar für uns Menschen sind hingegen Prozesse und Zeiträume, die das Alter von zwei oder drei Generationen deutlich übersteigen. Die letzte Kaltzeit zum Beispiel, während der ganz Skan- dinavien einschließlich der Britischen Inseln von Eis bedeckt und die Gletscher aus dem Norden bis nach Berlin vorgestoßen waren, hat etwa 100 000 Jahre gedauert. Viele Millionen Jahre dauert die Entste- hung von Gebirgen.

Auch die Wanderung der Kontinente können wir Menschen nicht di- rekt wahrnehmen. Aber das Tempo, mit denen die harten Kontinen- talplatten auf der glühend heißen, zähen Masse des Erdmantels drif- ten, kann man per GPS (Global Positioning System) messen. Eine der schnellsten Platten ist die Pazifische. Sie drückt mit einer Geschwin- digkeit von etwa zehn Zentimetern pro Jahr gegen die Nordamerika- nische Platte, was zum Beispiel in Alaska immer wieder zu verheeren- den Erdbeben führt. Zu den langsamsten Platten heute gehört die Afrikanische, die schon vor 100 Millionen Jahren begann, mit der Eurasischen zu kol- lidieren, wobei die Alpen in die Höhe gepresst wurden. Sie schiebt sich heute immer noch unaufhaltsam Richtung Norden, mit einer Ge- schwindigkeit von einem halben bis einen Zentimeter pro Jahr. Geo- wissenschaftler gehen davon aus, dass sich deshalb in etwa ein bis zwei Millionen Jahren die Meerenge von Gibraltar schließen wird. Das Mittelmeer wird in ferner Zukunft zu einem See. Permanenter Wandel Seit ihrer Geburt vor 4,6 Milliarden Jahren hat sich das Aussehen unserer Erde immer wieder grundlegend verändert. Aus einer kosmi- schen Staubwolke wurde sie zuerst zu einem glühenden Feuerball, der unzähligen Meteoriteneinschlägen standhalten musste. Im Zeit- raffer kann man sich die weitere Entwicklung stark vereinfacht so vorstellen: Während die junge Erde allmählich abkühlte, bildete sich außen um sie herum eine erste Kruste. Wie heute aus dem Unter- grund aktiver Vulkane, quollen damals ätzende Gase und Unmengen an Wasserdampf aus dieser ersten harten Gesteinsschale hervor. Ein dichter Nebel legte sich um die Urerde, Wolken bildeten sich, aus de- nen es – während die Erde weiter abkühlte – über Jahrmillionen hin- weg regnete. So wurde sie vor vier bis drei Milliarden Jahren zunächst zu einem Wasserplaneten mit einem weltumspannenden Ozean, aus dem Inseln mit Lava und Asche spuckenden Vulkanen herausragten. Vor rund drei Milliarden Jahren war die Kruste ausgehärtet und zerbrach schließlich in ein Mosaik aus gigantischen Schollen, die eng aneinander auf dem glühenden, zähflüssigen Erdmantel trieben. Die Plattentektonik setzte ein. Ein Mechanismus kam in Gang, der die Verteilung von Land und Meer auf unserer Erde bis heute immer wie- der verändert und den Vulkanismus sowie die Bildung von Gebirgen bedingt. Formende Kräfte – von innen und außen Neben diesen vulkanischen und tektonischen Kräften, die aus dem glühend heißen Erdinnern heraus das Relief unseres Planeten bestim- men, verändern von außen Verwitterung und Erosion durch Sonne, Wind, Wasser und Eis das Aussehen unserer Erde. Sie leisten sozusa- gen die Feinarbeit. Sie geben der Erdoberfläche ihren Schliff, indem zum Beispiel Flüsse Täler aus dem Untergrund herausspülen, gefrie- rendes Wasser in Klüften Gestein zersprengt, oder vom Wind getrie- bener Sand Felskanten abschleift. Verwitterung und Erosion sorgen auch dafür, dass Gebirge wie die Alpen, die sich durch den Druck der Afrikanischen gegen die Eurasische Platte auffalteten, auch wieder abgetragen werden. Noch ist der Druck so stark, dass die Alpen, vor allem in ihrem Westteil, im Schnitt um gut einen Millimeter pro Jahr an Höhe gewinnen. Durch Verwitterung und Erosion verliert das Gebirge derzeit zugleich etwa einen Millimeter Höhe pro Jahr. Hebung und Abtrag halten sich also ungefähr die Waage. Sollte der Druck der Afrikanischen Platte in ferner Zukunft jedoch en- den, werden die Alpen allmählich zum Mittelgebirge schrumpfen. Der 4809 Meter hohe Mont Blanc, ihr höchster Gipfel, wäre umgerechnet in etwa fünf Millionen Jahren abgetragen. Und all das Gesteinsmate- rial, das heute die Berge aufbaut und im Lauf der kommenden Jahrmil- lionen verwittert, werden die großen Alpenflüsse in alle Himmelsrich- tungen abtransportieren und unterwegs ablagern – oder schließlich in einem Meer: der Rhein in der Nordsee, die Rhône im Mittelmeer und die bayerischen Flüsse über die Donau im Schwarzen Meer.

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