zu. Psychologisch lässt sich das Phänomen so erklären: Ähnlichkeit schafft Nähe. Untersuchungen belegen, dass Vermenschlichung das Gefühl der Verbunden- heit stärken kann. Und vermutlich liegt darin auch das Erfolgsgeheimnis von Elke Vogelsangs Fotos. Mehr als 200.0000 Menschen folgen der Fotografin alleine auf Instagram. Ihre ausdrucksstarken Bilder sind lustig, emotional und nahbar: Da ist der aufgebrachte Collie, der verständnislose Boxer oder der lächelnde Rottweiler. Je menschlicher der Ausdruck, desto beliebter das Foto bei den Fans. „Natürlich lächelt der Hund nicht in die Kamera. Und er denkt sich auch nicht: Ich sitze hier und lächle“, sagt Elke Vogelsang und erklärt, dass das Lächeln dann ent- steht, wenn der Hund hechelt. Die Shootings sind für die meisten Hunde ein aufregendes Spiel. Mit Leckerlis oder Spielzeug interagiert die Fotografin mit ihren tierischen Modellen, denn das Wichtigste ist, dass die Hunde Spaß haben. „Das Foto entsteht dann in einem Bruchteil einer Sekunde. Manchmal habe ich auch Hunde vor mir, wo ich denke: Der sieht ja so niedlich aus. Und wenn man dann im Anschluss die Fotos betrachtet, sieht er traurig aus.“ Die Mimik eines Hundes bietet also viel Interpre- tationsspielraum. Wenn man wirklich wissen will, was der Hund uns mitteilen will, muss man schon genauer hinschauen. Dr. Bianca Klement
»Die Versuchung, Hunde zu vermenschlichen, ist weit verbreitet«
klassischen Blick verantwortlich ist, ausschließlich bei Hunden zu finden ist, nicht aber bei Wölfen. Die Frage ist nun: Wie ist dieser Muskel entstanden? Und warum? Wirkten Hunde, die diesen Muskel besaßen, auf unsere Vorfahren niedlicher und wurden öfter mit durchge- füttert? Half der Hundeblick, im Umfeld des Menschen besser zu überleben? Theorien wie diese werden in der Wissenschaft diskutiert. Bewusste Manipulation sei der Hundeblick jedoch nicht, so Wissenschaftlerin Kamin- ski: „Wir denken nicht, dass Hunde diese Bewegung bewusst machen, in dem Sinne, dass sie gelernt haben, sie intentional einzusetzen, um uns zu manipulieren. Aber wir haben in einer Studie festgestellt, dass Hunde die Geste häufiger zeigen, wenn man sie anschaut. So- mit spielt der Blick durchaus eine kommunikative und interaktive Rolle.“ Ähnlichkeit schafft Nähe Für viele Halterinnen und Halter gehören Hunde zur Familie. Und unserer Familie möchten wir uns nah fühlen. Dieses Bedürfnis nach Nähe verlockt uns dazu, das Verhalten und die Mimik unserer Hunde zu ver- menschlichen – auch wenn wir es besser wissen. „Wir fühlen als Menschen bestimmte Dinge und können uns schwer vorstellen, dass sich diese Gefühle bei anderen Arten ganz anders zeigen oder ausgedrückt werden“, warnt Juliane Kaminski. „Deshalb besteht durchaus das Potenzial, einen Hund zu überfordern oder falsch zu verstehen, wenn wir ihn vermenschlichen.“ Die Versuchung, Hunde zu vermenschlichen – zu- mindest oberflächlich, ist weit verbreitet. Es ist der Versuch, eine Brücke zwischen zwei Arten zu schla- gen. Selbst wenn wir wissen, dass der Hund auf dem Foto gar nicht lächelt, gefällt uns die vermeintliche Gemeinsamkeit. Weltweit nehmen anthropomorphe Tendenzen, also Praktiken, Tiere zu vermenschlichen oder ihnen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben,
Viszlador Bruno blickt skeptisch, scheint etwas sagen zu wollen
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Kapitel 2 Neue Medien Botschaften
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