»Bestimmte Gesichts- ausdrücke werden oft falsch interpretiert«
der Lage, die Bedürfnisse und Gefühle ihres tierischen Freundes richtig zu erkennen und zumindest grob auch seine Mimik zu lesen. Gleiches gilt auch umgekehrt. Hunde können sehr gut in unserem Gesicht lesen und Stimmungen deuten. Je länger wir mit einem Hund zusammenleben, desto besser verstehen wir uns mit unserem Vierbeiner und erkennen, wann er glücklich, angespannt oder ängstlich ist. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Fähigkeit, die Emotio- nen seines Hundes zu lesen, erlernt ist und mit zuneh- mender Erfahrung besser wird. Schäferhunde, Boxer oder Collies können Hunder- te verschiedene Gesichtsausdrücke und Mikrogesten produzieren. Das reicht vom schnellen Schlecken der Schnauze, Öffnen des Mundes, Anlegen oder Aufstellen der Ohren, Aufreißen oder halb Schließen der Augen über Blinzeln und Zähneblecken bis zum Hochziehen der Lefzen. Im sogenannten Dog FACS (Dog Facial Action Coding System), einem Kodierungssystem zum Erken- nen von Gesichtsausdrücken bei Hunden, haben Juliane Kaminski und ihre Kolleginnen Gesichtsbewegungen von Hunden dokumentiert. Viele Signale sind noch nicht entschlüsselt und noch immer kommen neue dazu. Die Sprache der Hunde ist komplex und kann nicht ohne Kontext gedeutet werden. Artübergreifende Kommunikation Hunde reflektieren über ihre Mimik nicht bloß ihre Gefühlswelt, sie kommunizieren aktiv – mit ihren Art- genossen, aber auch mit uns Zweibeinern. Denn Hunde sind in der Lage, artübergreifend zu kommunizieren. Sie warnen uns verbal durch Knurren oder Bellen oder setzen nonverbale Körpersprache ein, um uns zu begrü- ßen, zu beschwichtigen oder unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. 2018 stellte die Wissenschaftlerin Hannah Worsley von der Universität Salford im Rahmen einer Untersuchung mit Familienhunden fest, dass die Vier-
Große Augen, gelüpfte Brauen: Bei diesem Blick verzeiht man Labrador Saga alles
schätzt werden, weil wir sie in menschlichen Ansätzen interpretieren. Ein Beispiel wäre das Zähnefletschen. Das ist für den Hund ein sehr deutliches aggressives oder zu- mindest aversives Signal und bedeutet: ‚Lass das!‘ Oder auch: ,Geh weg!‘ Doch häufig wird das Hochziehen der Lefzen falsch als Lächeln interpretiert. Gerade von Klein- kindern“, so die Expertin. Die verschiedenen Gesichtsausdrücke von Hunden sind laut Dr. Kaminski sehr viel komplexer, als viele Menschen annehmen, und erst in den Anfängen wirk- lich erforscht. „Wir müssen uns fragen: Was bedeutet der Gesichtsausdruck, den der Hund da gerade produziert? Was heißt er für andere Hunde? Was heißt er für uns Menschen? Und was sagt er über den inneren Zustand des Hundes aus?“ Ganz wichtig auch: Jeder Ausdruck muss immer auch im Kontext betrachtet werden. In welcher Situation befindet sich der Hund? Sind Artge- nossen anwesend? Obwohl wir seit fast 40.000 Jahren Seite an Seite mit Hunden leben, gibt es vieles, was wir noch nicht wissen. Ein komplettes Mysterium sind unsere Hunde trotz- dem nicht. Halterinnen und Halter sind durchaus in
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Kapitel 2 Neue Medien Botschaften
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