2025 Confidentiality Guide (German)

Anhang: Die Crux der Sache

Stephanie Schechter © 2017 All Rights Reserved

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(Reprinted in Stephanie Schechter (2024) Ethics Education in Psychoanalytic Institutes, Psychoanalytic Inquiry, 44:2, 178-193.)

Dr. Jablonski leitet ein klinisches Seminar am BPSI [Boston Psychoanalytic Society and Institute] . Sie weiß, dass einige der Teilnehmer über wenig Erfahrung verfügen, und ist daher nicht überrascht, als sich zur ersten Fallvorstellung niemand freiwillig meldet. Sie beschließt, selbst den Anfang zu machen. Für die Präsentation wählt sie ihre Arbeit mit Ms. Duarte aus, einer Patientin, die sie fasziniert. Ms. Duarte ist 30 Jahre alt, Single und von Beruf Rechtsanwältin. Sie ist außerordentlich intelligent, erfolgreich und attraktiv und hat gute Aussichten, in einer bekannten Bostoner Anwaltskanzlei Partnerin zu werden. Ms. Duarte wuchs in einer wohlhabenden und sehr religiösen venezolanischen Familie auf. Ihre Eltern bestanden darauf, dass sie und ihre Schwestern mehrmals pro Woche zur Kirche gingen und die Beichte ablegten. Ihr Vater war Richter am Obersten Gerichtshof Venezuelas und hatte während der gesamten Ehe zahlreiche Affären. Ms. Duarte kam in die USA, um am New Yorker Barnard College zu studieren. Sie belegte einen Vorkurs für ein Jurastudium und schnitt sehr gut ab. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keine sexuellen Erfahrungen und begann nun, mit zahlreichen Partnern zu experimentieren. In ihrem zweiten Collegejahr am Barnard lernte sie mehrere Frauen kennen, die für einen Online- Prostitutionsservice arbeiteten, was sie – zu ihrer eigenen Überraschung – sehr neugierig machte. Schließlich meldete sie sich selbst bei dem Online-Service an und hatte mehrere „Dates“ mit Männern, die für den Sex bezahlten. Sie fand diese Erfahrungen sehr aufregend und furchterregend zugleich. Nach einigen Monaten begann sie sich zu sorgen, dass dieses Verhalten womöglich negative Konsequenzen für ihr Leben und ihre berufliche Karriere haben könnte, und stieg aus. Nach Abschluss ihres Jurastudiums zog sie nach Boston und wurde Mitarbeiterin einer angesehenen Kanzlei, wo sie aufgrund ihrer glänzenden beruflichen Leistungen schon bald als „aufsteigender Stern“ galt. Nach einem Meeting, auf dem sie in einem der gegnerischen Anwälte eines ihrer ehemaligen „Dates“ wiederzuerkennen glaubte, hatte sie ihre erste Panikattacke. Sie bekam furchtbare Angst, dass diese Episode ihres Lebens publik werden könnte. Als die Panikattacken immer häufiger auftraten und immer schlimmer wurden, beschloss sie, sich in Psychotherapie zu begeben. Dr. Jablonski findet Ms. Duarte und ihre Geschichte fesselnd und ist überzeugt, dass die Seminarteilnehmer aus ihr vieles über das Unbewusste, über Internalisierung und psychischen Konflikt lernen können – Themen, mit denen sie sich bisher in den Theorieveranstaltungen beschäftigt haben. Ihr sind auch zahlreiche ihrer eigenen Gegenübertragungsreaktionen auf Ms. Duarte bewusst, und sie hat das Gefühl, den Teilnehmern als Vorbild für einen offenen Umgang mit dieser Dynamik dienen zu können, indem sie Gefühle, die in der Behandlung in ihr selbst aktiviert wurden, erläutert.

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