Um Ms. Duartes Identität zu anonymisieren, gibt Dr. Jablonski ihr ein Pseudonym und bezeichnet sie als „Immigrantin“, ohne die genau Herkunft anzugeben. Sie erwähnt Barnard mit keinem Wort, sondern sagt lediglich, die Patientin habe eine „renommierte Universität“ besucht. Sie erwähnt nicht, dass der Vater der Patientin am Obersten Gerichtshof tätig war, sagt aber, er sei ein „einflussreicher Richter“ gewesen, weil sie glaubt, dass dies für den intrapsychischen Konflikt der Patientin relevant sei. Sie hält auch deren Berufswahl für klinisch relevant und teilt mit, dass die Patientin Anwältin sei, gibt aber keine weiteren Details preis. Sie beschließt, eine Sitzung vorzustellen, in der Ms. Duarte über ein großes silbernes Kruzifix sprach, das sie an einer Kette um den Hals trägt. Die Patientin war unlängst von einem der Seniorpartner der Kanzlei gebeten worden, auf das Kruzifix zu verzichten, weil es an ihrem Arbeitsplatz unangemessen sei. Ms. Duarte verbringt eine ganze Sitzung damit, über dieses Kruzifix, ein Geschenk ihres Vaters, zu sprechen. Sie erzählt, was es ihr bedeutet und in welchen Konflikt die Aufforderung, es nicht länger zu tragen, sie stürzt. Dr. Jablonski hat den Eindruck, dass ihre Notizen aus dieser Sitzung für die Seminarteilnehmer als hervorragende Lerngelegenheit dienen können. Sie erzählt ihnen, dass jenes Kruzifix eines der ersten Dinge gewesen sei, die ihr an Ms. Duartes aufgefallen seien, als sie sie im Wartezimmer begrüßt habe. Auffällig sei insbesondere gewesen, wie verführerisch das Kreuz in ihrem tiefen Ausschnitt baumelte und ihre Brüste betonte. In der Sitzung, in der sie gemeinsam versucht hatten, die zahlreichen Bedeutungen des Kreuzes zu verstehen, kämpfte Dr. Jablonski mit ihrer Unsicherheit, wie sie Ms. Duarte auf die Art und Weise, wie das Kruzifix zwischen ihren Brüsten hing, ansprechen und wie sie die sexuellen Bedeutungen, die mit diesem Geschenk ihres Vaters verbunden waren, deuten sollte. Sie teilt den Seminarteilnehmern ihren eigenen Denkprozess und ihre inneren Schwierigkeiten, diese Themen in der Sitzung anzusprechen, offen mit – ebenso wie ihre Ängste, von Ms. Duarte wie eine „Richterin“ wahrgenommen zu werden. Die Diskussion im Seminar entwickelt sich außerordentlich gut. Die Gruppe ist aktiv und engagiert und findet den Fall, wie von Dr. Jablonski vorhergesehen, hochinteressant. Die Teilnehmer erkennen an, dass sie einen Fall ausgewählt hat, der viele jener Konzepte illustriert, die sie in ihren Theorieveranstaltungen kennenlernen. Besonders lebhaft verläuft die Diskussion über Dr. Jablonskis Gegenübertragung. Die Kandidaten und Kandidatinnen beenden das Seminar angeregt und mit guten Gefühlen. Dr. Heller, im vierten Jahr ihrer Facharztausbildung in der Psychiatrie, ist ganz besonders aufgeregt. Sie fand ihre Assistenzzeit bislang schwierig, weil wenig anregend. Zu Hause angekommen, erzählt sie ihrem Mann, dass ihre Ausbildung am BPSI sie nun sehr zuversichtlich stimme. Sie erzählt von dem Fall, den Dr. Jablonski vorgestellt hat, und erläutert deren analytische Sichtweise des Materials, in der sie ihr eigenes Verständnis der menschlichen Natur wiedererkennt. Sie sagt zu ihrem Mann, dass sie am BPSI offensichtlich ihre intellektuelle Heimat gefunden habe. Sechs Monate später ist Dr. Heller mit ihrem Mann zu einer Party von dessen Kanzlei eingeladen. Sie werden einer jungen Anwältin vorgestellt. Sofort fällt Dr. Heller ein großes silbernes Kruzifix ins Auge, das zwischen den Brüsten der Anwältin herabhängt.
Überlegen Sie folgende Fragen :
Ist es in dieser Situation zu ethischen Verstößen gekommen? Wurde jemand geschädigt? Wer war in dieser Situation für die Wahrung der Vertraulichkeit verantwortlich?
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