2025 Confidentiality Guide (German)

und diese Entdeckung besorgniserregende Folgen für ihren Blick auf den Analy&ker, auf sich selbst und die – laufende oder bereits abgeschlossene – Behandlung mit sich bringt. Wir müssen gezwungenermaßen den Schluss ziehen, dass unsere ethische Verantwortung eine paradoxe ist: Wir tragen die Verantwortung dafür, unsere Pa&enten vor dem Einfluss zu bewahren, den unser kollegialer Austausch über ihr Fallmaterial auf sie ausüben könnte, obwohl wir diesen Einfluss weder vollständig vorhersehen noch kontrollieren können. Dabei können wir nicht einmal wissen, welche Aspekte unserer Wahrnehmung womöglich entgangen sind. Unsere ethischen Pflichten sind geteilt zwischen der Anerkennung, dass die Vorstellung und Diskussion von klinischem Material Bestandteil der Ausbildung und der Weiterentwicklung unserer Arbeit sind, und der Anerkennung, dass ebendies unsere Schweigepflicht zu verletzen droht. Das Problem der digitalen Erfassung Die Komplexität der Veröffentlichung von Fallberichten wird durch die allgegenwär&ge digitale Erfassung eines Großteils aller Publika&onen zusätzlich erhöht. Pa&enten können unsere Ar&kel selbst in entlegenen FachzeitschriUen auffinden. Jeder, der heutzutage Fallmaterial publiziert, muss davon ausgehen, dass seine Pa&enten seine Worte lesen werden, denn dies ist tatsächlich jedem möglich. Die Veröffentlichung von Fallmaterial auf den Webseiten von psychoanaly&schen e-Journals gibt besonderen Anlass zur Besorgnis. Zunehmend werden e-Versionen von Ar&keln gleichzei&g mit dem Erscheinen der Print-Ausgaben oder eine Weile später zugänglich. Schutz und Kontrolle dieses Materials sind oU in besorgniserregendem Maß unzulänglich, und dies angesichts einer globalen, an Zahl unbegrenzten potenziellen LeserschaU. Darüber hinaus posten manche FachzeitschriUen eingereichte Ar&kel online, bevor überhaupt die Möglichkeit gegeben ist, die Anonymität von Pa&enten sicherzustellen. Auch dies ist besorgniserregend, denn diese Ar&kel haben eine globale, unbegrenzte LeserschaU. WissenschaUliche Veranstaltungen werden häufig online angekündigt, was das Risiko erhöht, dass Pa&enten sich in den Falldarstellungen wiederfinden. Die Administratoren von E-Journals und Webseiten müssen sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst sein, um die Anonymität ihrer Pa&enten zu schützen. Probleme mit der Anonymisierung von Fallmaterial; Probleme mit der informierten Einwilligung (Informed Consent) Eine Umfrage unter FachzeitschriUenherausgebern ergab, dass die Befragten über die Handhabung von Fallmaterial geteilter Meinung waren. Einige der Umfrageteilnehmer betrachteten die Einwilligung als heikles Thema und verwiesen auf nach Möglichkeit zu vermeidende unlösbare und unbekannte Konsequenzen für den Pa&enten. Sie hielten die informierte Einwilligung aufgrund unserer Unfähigkeit für unethisch, die Reak&onen eines Pa&enten auf die Weitergabe von Informa&onen umfänglich zu erfassen oder zutreffend vorherzusehen; zugleich verwiesen sie auf das Risiko eines unter dem Einfluss der Nachträglichkeit auUauchenden Verständnisses, das zum Zeitpunkt der Einholung der Einwilligung nicht absehbar war. Mit Blick auf die unbekannten Auswirkungen der Übertragungsdynamik bezweifelten sie,

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