Die ultimativen Klettersteige online Blick ins Buch

Folkert Lenz

KLETTERSTEIGE DIE ULTIMATIVEN IN DEN ALPEN 51 legendäre Touren

30 km

0

DEUTSCHLAND

N

Colmar

FRANKREICH

Donau- eschingen

Grd. Ballon 1424

Freiburg

Feldberg 1493

Mulhouse

Schaff- hausen

Konstanz

Friedrichs- hafen

Belfort

Lörrach

Vesoul

Bodensee

Lindau

Rhein

Basel

Montbéliard

Winterthur

Bregenz

St. Gallen

ZÜRICH

Olten

Zürichsee

Feld- kirch

Säntis 2502

Rapperswil

Besançon

Solothurn

Biel/ Bienne

Dôle

Zug

La-Chaux- de-Fonds

Bludenz

Vaduz

S CHWE I Z

Zugersee

Walensee

Schesaplana 2965

Luzern

Rigi 1797

Neuchâtel

43 39

Pontalier

Bern

V ierwald- stättersee

Lac de Neuchâtel

Tödi 3614

35

Chur

Engelberg

Fribourg

Davos

Yverdon- l.-B.

Thun

Piz Kesch 3418

Dammastock 3630

Lons- le-Saunier

38

Thuner see

Interlaken Grindel- wald

42

Lauterbrunnen

Lausanne

Rheinwaldhorn 3402

40

Eiger 3970

Morges

St. Moritz

Jungfrau 4158

Lac Léman

Nyon

Montreux

Wildhorn 3248

Bietschhorn 3934

Basodino 3274

41

Thonon

Brig

Sierre

Piz Bernina 4049

Sion

Genf

Bellinzona

Annemasse

Bellegarde- s.-V.

Sondrio

Weissmies 4014

36 37

Locarno

Monte Grazzirola 2116

Martigny

Domodossola

Lago Maggiore

Matterhorn 4478

Lugano

Grand Combin 4314

47

Chamonix- Mt.-Blanc

Comer See

Luganersee

Verbania

Annecy

Monte Rosa 4634

Mont Blanc 4810

Lago di V arсe

Omegna

Lecco

Varese

Como

Aosta

44

Arona

Lago d‘Orta

Aix-les-Bains

Bergamo

Albertville

Lago d‘Iseo

Gran Paradiso 4061

Monza

Iseo

Chambéry

Biella

Ivrea

FRANKREICH

MAILAND

Novara

Voiron

Crema

Vercelli

Lodi

46

Grenoble

Pavia

Cremona

I TA L I EN

Susa

TURIN

Piacenza

Sestriere

Briançon

45

Pinerolo

Alessandria

Asti

Crux am Lehner Wasserfall im Ötztal

Eisiges Ambiente: Hallstätter Glet- scher vor dem Hohen Dachstein

Inhalt

Ötztaler Alpen 6 Lehner Wasserfall Lehnbach (1440 m)

Die ultimativen Klettersteige in den Alpen

8

ÖSTERREICH Kleinwalsertal 1

12

Kalte Dusche in der Schlucht

44

Verwall 7 Arlberger Winterklettersteig Vordere Rendlspitze (2816 m) Fantastische Kombi: Drahtseile und Ski Noch mehr Klettersteige in Österreich Salzkammergut 8 Postalmklamm-Klettersteig Wieslergraben (1000 m)

Mindelheimer Klettersteig Schafalpenköpfe (2320 m) Dolomitenflair in den Nordalpen

14

50

Dachsteingebirge 2 Super-Ferrata

Hoher Dachstein (2995 m) Powertrip für Ausdauerstarke

20

56

3 Irg-2 & Westgrat

Dachsteingebirge 9 Donnerkogel-Klettersteig Großer Donnerkogel (2054 m) Silvretta 10 Pfannknecht-Klettersteig Pfannknecht (2822 m)

Großer Koppenkarstein (2863 m) Grenzgang über der Tiefe

26

Stubaier Alpen 4 Elfer-Überschreitung Westlicher Elferturm (2482 m), Elferspitze (2505 m) Die begehbare Sonnenuhr 32 Berchtesgadener Alpen 5 Königsjodler Hohe Köpfe (2875 m), Hochkönig (2941 m) Ferrata im Sagenland 38

56

56

Folkert Lenz beim Hard Rock am sicheren Drahtseil

Luftige Kraxelei am Gro- ßen Koppenkarstein im Dachstein-Massiv

ITALIEN Dolomiti di Brenta 18 Die Brenta-Acht Sentiero Bocchette Alte & Sentiero Bocchette Centrale Schummelei an allen Gipfeln vorbei 86 84

DEUTSCHLAND

58

Wettersteingebirge 11 Alpspitz-Ferrata & Nordwandsteig Alpspitze (2628 m) Klassiker mit Nordwand-Feeling

60

12 Mauerläufer

Brenta-Klettersteige im Detail 19 Sentiero Bocchette Centrale

Bernadeinkopf (2143 m) Pausenlos durch die Steilwand

64

Bocca degli Armi (2749 m), Bocca di Brenta (2549 m)

13 Höllentalsteig Zugspitze (2962 m)

96

20 Via delle Bocchette Alte Spalla di Brenta (3020 m) 21 Via ferrata Ettore Castiglioni Bocchetta dei Due Denti (2840 m) Gardaseeberge 22 Via ferrata Ernesto Che Guevara Monte Casale (1631 m) Der Eisenweg des Revoluzzers 23 Via atrezzata Rino Pisetta Dain Picol / Monte Garzolet (964 m)

Übers Eis auf Deutschlands Höchsten

70

96

Berchtesgadener Alpen 14 Räuberleiter Grünstein (1304 m)

96

Direttissima über dem Königssee

76

Noch mehr Klettersteige in Deutschland Chiemgauer Alpen 15 Pidinger Klettersteig Hochstaufen (1771 m)

98

82

Meisterprüfung über dem Lago di Toblino

104

Allgäuer Alpen 16 Hindelanger Klettersteig Großer Daumen (2280 m) Berchtesgadener Alpen 17 Hochthron-Klettersteig

24 Via dell’Amicizia Cima SAT (1246 m)

82

Leiterln über den Dächern von Riva

110

Berchtesgadener Hochthron (1972 m)

82

Wackelig: Seilbrücke im Nepal-Style am Bernadeinkopf

Bauernhaus am Wümme-Radweg.

Verbogen: Leitern in der Brenta

Noch mehr Klettersteige in Italien Puez-Gruppe/Dolomiten 32 Klettersteig Cirspitze V Kleine Cirspitze (2520 m)

Gardaseeberge 25 Via ferrata Rio Sallagoni Castello di Drena (395 m) Schluchtenweg mit Dschungelflair

116

156

Ledro-Alpen/Gardasee 26 Via ferrata Fausto Susatti & Via ferrata Mario Foletti Cima Capi (909 m), Cima Rocca (1090 m) Friedlich auf dem Kriegspfad 122 Fanes-Gruppe 27 Kaiserjägersteig & Lagazuoi-Tunnel Lagazuoi Pizo (2778 m) Dunkle Dolomitengänge im Berginneren 126 Ampezzaner Dolomiten 28 Via ferrata Lamon Tofana di Mezzo (3244 m), Tofana di Dentro (3238 m) Spritztour auf höchstem Niveau 132 Sextener Dolomiten 29 Schartenweg & Via ferrata De Luca Innerkofler Paternkofel (2744 m) Runde Sache mit Dreizinnenblick 138 Langkofel-Gruppe 30 Oscar-Schuster-Steig Plattkofel (2858 m) In den Fußstapfen des Kletterpioniers 144 Sella-Gruppe 31 Via ferrata Brigata Tridentina Rifugio Pisciadù (2585 m) Perlenkette an der Wasserfallroute 150

Fanes-Gruppe/Dolomiten 33 Zehner-Ferrata Zehnerspitze (3026 m) Ortler-Gruppe 34 Tabaretta-Klettersteig Payerhütte (3019 m)

156

156

SCHWEIZ

158

Urner Alpen 35 Klettersteig Fürenwand Hundschuft (1845 m)

Heavy Metal über dem Engelberger Tal Walliser Alpen 36 Panorama-Klettersteig Jegihorn Jegihorn (3206 m) Zitterpartie in der Vertikalen 37 Klettersteig Mittaghorn Mittaghorn (3143 m) Im Reich des Steinbocks Berner Alpen 38 Schwarzhorn-Klettersteig Schwarzhorn (2928 m) Über Leitern auf den Belvedere

160

166

172

178

Bekanntes Triple: die Drei Zinnen

Luft unter den Sohlen am Pisciadù

Chartreuse-Massiv 46 Via ferrata Les Prises de la Bastille Fort de la Bastille (491 m)

Rätikon 39 Klettersteig Partnunblick Gemstobelwand (2620 m) Bündner Drahtseile mit Seeblick

206

184

Chablais-Alpen 47 Via ferrata des Evettes Tête des Evettes (2171 m)

Berner Alpen 40 Klettersteig Mürren–Gimmelwald Mürrenfluh (1610 m) Psycho-Balanceakt über Stechelberg Noch mehr Klettersteige in der Schweiz Walliser Alpen 41 Via ferrata Leukerbad Daubenhorn (2942 m)

206

190

SLOWENIEN

208

Julische Alpen 48 Triglav-Überschreitung Triglav (2864 m)

Bamberg-Weg, Ostgrat und Tominšek-Weg Noch mehr Klettersteige in Slowenien Julische Alpen 49 Via della Vita Veunza (2340 m)

210

196

Berner Alpen 42 Eiger-Rotstock-Klettersteig Rotstock (2663 m)

196

Rätikon 43 Sulzfluh-Klettersteig Sulzfluh (2817 m)

216

50 Prisojnik-Überschreitung Prisojnik (2547 m) Steiner Alpen 51 Ojstrica-Klettersteig Ojstrica (2350 m)

216

196

FRANKREICH

198

Savoie 44 Via ferrata Roc du Vent Roc du Vent (2360 m) Mit Blick auf den Mont Blanc

216

Register

218 224

200

Impressum und Bildnachweis

Noch mehr Klettersteige in Frankreich Dauphiné-Alpen 45 Via ferrata des gorges d’Ailefroide Torrent d’Ailefroide (1300 m)

206

Die ultimativen Klettersteige in den Alpen

N un also ein weiterer Klettersteigführer? Eine weitere Samm - lung von Drahtseilwegen im Alpenbogen? Nein! Bei diesem Werk handelt es sich um ein Lese- und Bilderbuch, das Lust machen will auf erste oder weitere und neue Abenteuer in einer faszinie- renden Bergsportart: dem Klettersteiggehen. Es will animieren und Anregungen geben für Ferrata-Fans oder solche, die es werden wollen. So sind die Routenbeschreibungen ergänzt um Anekdoten, Hintergründiges oder Randnotizen zu den Berg-Regionen, den Berg- Menschen, den Berg-Touren – wo immer es sich anbot. Hier liegt also kein klassisches Führerwerk vor. Mit diesem schwer - gewichtigen, großformatigen und bildlastigen Band wird ohnehin niemand ins Gelände ziehen wollen, oder? Ich würde es mir jedenfalls nicht in den Rucksack stecken. Wer Details zu den einzelnen Routen benötigt wie minutiöse Gehzeiten, metergenaue Aufstiegshöhen oder GPS-Tracks für die Wegfindung, der sei auf die traditionelle Führer - literatur verwiesen. Auch gut: das Ganze mit Online-Informationen er- gänzen. Auf den einschlägigen Internetportalen gibt es den aktuellsten Stand, was den Zustand der Steiganlagen angeht. Das dient auch der Sicherheit. Doch wann ist ein Klettersteig eigentlich »ultimativ«? Ist es die steilste, abenteuerlichste und abgefahrenste Ferrata mit allerlei technischen Sperenzchen? Oder ist es ein alpiner Steig mit einem Drahtseil nur als Handlauf? Mit einer Wegführung, die sich als Ideallinie ins Felsgelän - de schmeichelt und in einsamer Gipfelwelt tiefgreifende Naturerfah - rungen ermöglicht? Zusammen mit meiner Co-Autorin Janna Kamphof sowie den Co-Autoren Eugen Hüsler und Michael Pröttel habe ich versucht, eine gute Mischung aus all dem zusammenzustellen. Die Auswahl ist ganz subjektiv. Dabei bleiben auch Hotspots nicht außen vor, die von Social-Media-Jüngern gern gepusht werden. Dem Herden - trieb kann man in der Ferrata-Welt nicht entgehen, und so werden hier keine »Geheimtipps« offenbart, denn die gibt es bei Klettersteigen nicht. Es liegt in der Natur der Sache, dass jede einzelne Anlage nach ihrer Eröffnung publiziert wird.

Die Anreisebeschreibungen zu den Routen sind übrigens ganz be - wusst nur auf »Öffis« ausgelegt. Wer will, kann die meisten Touren mit Bahnen, Bussen, Sammeltaxis ansteuern. Klingt nerviger, als es ist, und es dient der Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz. Zudem schützt es die BewohnerInnen der Talschaften und Bergdörfer vor ausuferndem Autoverkehr und anderen Auswirkungen des Über-Tourismus. So hoffe ich, reichlich Stimulation zu geben für Erlebnisse in den Bergen oder vielleicht auch beim Lesen Erinnerungen zu wecken. Ein Buch eben für die Tage, wo draußen nix geht. Lass dich inspirieren!

Folkert Lenz

Schwierigkeitsskala

• A (einfach): Einfache, gesicherte Wege mit teilweise kurzen, selten exponierten, aber gut versicherten Passagen. Vereinzelt kurze Leitern • B (mäßig schwierig): Abschnittsweise steileres und ausgesetztes Felsgelände. Senkrechte, manchmal längere Leitern • C (schwierig): Steiles bis sehr steiles Felsgelände. Ausgesetzte Passagen mit z. T. kleinen Tritten • D (sehr schwierig): Senkrechtes, häufig überhängendes und sehr ausgesetztes Gelände mit oft weit auseinanderliegenden Klammern oder Tritthilfen. Gelegentlich nur Drahtseile ohne weitere Kletter - hilfen. Große Armkraft und gute Steigtechnik nötig • E (extrem schwierig): Meist überhängendes Felsgelände mit extre - mer Anforderung an Kraft und Moral. Viel Dauer-Power in Händen, Armen und Beinen nötig. Nur für sehr Erfahrene. Für Schwächere ist die Zusatzsicherung mit Kletterseil überlegenswert (oder Verzicht!). • F (außergewöhnlich extrem schwierig): Sehr selten. Andauernd kraftraubend. Gefährlich und verletzungsträchtig bei Sturz. Zusätz- liche Sicherung mit Kletterseil wird dringend empfohlen!

Die ultimativen Klettersteige in den Alpen

9

12

Österreich

Pionierland Abscheuliche Kletterei ist gar kein Ausdruck: »Das zerklüftende Gestein hat so scharfe Kanten und Spitzen, dass man bey jedem Ausgleiten sich die Hände blutig aufritzt oder zersticht.« Das schrieb der junge Naturforscher Friedrich Simony in der Österreichisch-Kaiserlichen Wiener Zeitung über seinen »halsbrecherischen Versuch«, auf den Gipfel des Hohen Dachsteins zu klettern. Es gelang ihm an einem schönen Septembertag 1842. Nach der Tour hoffte er: »Möchte sich doch ein begüterter Freund der Alpennatur finden, und zur Gangbarmachung der gefähr - lichen Stellen eine kleine Summe opfern, mit welcher die geringen Ausgaben dazu bestritten werden können.« Dieser Wunsch wurde erfüllt: Heute weisen die Kalksteinspitzen rund um den Dachstein eine bemerkenswerte Dichte an Klettersteigen auf. 260 Gulden kostete es seinerzeit, den Weg auf den Gipfel auch für Menschen zu bahnen, die bei einer Bergtour nicht gleich ihr Leben aufs Spiel setzen wollten. Eisenzapfen, Handhaken, eingemeißelte Tritte und ein 80 Klafter langes, dickes Schiffstau dienten als Steighilfen. Simonys Stammbergführer, der Hallstätter Johann Wallner, zeichnete für den wohl ersten Touristen-Klet - tersteig der Nordalpen verantwortlich, der im September 1843 eingeweiht wurde. Es dauerte nicht lange, dann folgten weitere Klettersteige in Österreich: 1869 eine Seilsicherung am Groß - glockner, 1878 ein weiterer Klettersteig am Dachstein, 1894 der beliebte Teufelsbadstubensteig auf die Rax und 1913 der Haidsteig auf denselben Gipfel. Heute gibt es mehrere Hundert Ferrate in Österreich: große wie kleine, schwierige wie ein­ fache, talnahe wie hochalpine, ernsthafte und sportliche sowie Fun-Anlagen mit spielerischem Charakter. Übrigens geht heute die spektakulärste Steiganlage am Dachstein – die Super-­ Ferrata – einmal quer durch die Dachstein-Südwand. Und die gilt als eine der höchsten Fels - wände der Ostalpen. »Abscheulich« ist die Kletterei dort wahrlich nicht mehr.

Wie gut, dass der Streit um den Bau des Mindelheimer Kletter- steigs in den Allgäuer Alpen positiv für die Ferratisti ausging.

1

Mindelheimer Klettersteig

Kleinwalsertal | Schafalpenköpfe (2320 m)

Dolomitenflair in den Nordalpen

Es hatte wohl etwas mit Weitblick zu tun, als Mitte der 1970er-Jahre die Drahtseil­ verbindung zwischen Mindelheimer und Fiderepasshütte geschaffen wurde, noch bevor der Klettersteig-Boom so richtig losging. Vorausgegangen war allerdings eine 50-jährige Debatte darüber, ob der Mindelheimer Alpenverein wirklich einen Höhen - weg über die Schafalpenköpfe oberhalb von Mittelberg bauen sollte.

S chon 1921 hatte der damalige Vorsitzende der mittelschwäbi - schen Alpenvereinssektion, Franz Xaver Abt, die Idee vorgelegt. Es sollte aber noch fünf Jahrzehnte dauern, bis Abts Vision Realität wurde. Drei Sommer lang werkelte eine Spezialistengruppe aus Warth im Lechtal und versenkte Bügel, Stifte, Leitern und Brücken im Fels – 1975 schließlich komplettierte das Drahtseil die Anlage zum Mindel - heimer Klettersteig. Der Bau aber gefiel scheinbar nicht allen: Zwischen 1980 und 1990 war der Klettersteig mehrmals Ziel von Zerstörungsakten. In Tourenberich - ten las sich das so: »Einige Sicherungen waren jedoch von Unbekann - ten stark sabotiert und vom Alpenverein nur notdürftig repariert wor - den. Trittbügel waren einfach abgesägt und Fixseile durchschnitten.« Heute ist der Mindelheimer Steig ziemlich populär – wohl auch, weil er technisch als nicht übermäßig schwierig eingestuft wird. Dennoch ist er anspruchsvoll und bietet ein hochalpines Ambiente.

Fast wie in den Dolomiten Die bisweilen kühne Wegführung durch den zerklüfteten Hauptdolo - mit zeigt abwechslungsreiche und beeindruckende Felsformationen. Zudem verläuft die Überschreitung gleich über vier Gipfel – die drei Schafalpenköpfe und das Kemptner Köpfle. Den Namen Schafalpenköpfe dürfte der Gratrücken wegen seiner sanfteren Südseite bekommen haben: Vermutlich waren die Liege- und Weideplätze der Schafe auf den Felsköpfen über der Taufers - bergalpe so benannt. Abweisend und ruppig baut sich der zerklüftete Grat dagegen über dem Kleinwalsertal auf. Aus Bauernsicht war das nutzloses Land, weil landwirtschaftlich nicht nutzbar. Kein Wunder also, dass die Menschen auf der Nordseite diese Berge »Die Wilden« nannten. So sollen sie als »Wilde Köpfe« schon im 18. Jahrhundert in den Vorarlberger Landkarten verzeichnet worden sein.

 Manches Mal muss man die Leitern auch runter.

14

Mindelheimer Klettersteig

 Immer schön droben bleiben am Grat.

 An anderen Stellen geht’s über die Bügel hinauf.

 ´ Schöner Ausgangspunkt: die Fiderepasshütte

Apropos Vorarlberg: Auch wenn manche Menschen das Kleinwalser - tal gar nicht als österreichisches Staatsgebiet wahrnehmen, so handelt es sich dennoch um eine funktionale Austria-Exklave. Zwar ist das Sacktal mit dem Auto nur vom bayerischen Oberstdorf her anzufah- ren, doch an der Walserschanz am Taleingang passiert man – fast un - bemerkt – die Staatsgrenze. Eine Verkehrsverbindung ins Mutterland gibt es für die Walser bis heute nicht. Hochalpines Steuerparadies Das ist auch der Grund, warum man in dem deutschen Zollanschluss- gebiet bis zur Einführung des Euro in der Regel mit D-Mark bezahlte. Übrigens fand auch manches Bargeldbündel im Skioverall oder im Wanderrucksack den Weg in das Kleinwalsertal, das sich als alpine Steueroase einen Namen gemacht hatte. Denn mangels Grenzkon - trollen konnte man seine Ersparnisse am deutschen Fiskus vorbei unbemerkt ins Ausland bringen – z. B. per Skischaukel. Das Geschäfts - modell des ganz speziellen »Private Bankings« fand erst Mitte der 2010er-Jahre sein Ende, als Österreich sein rigides Bankgeheimnis aufgab.

DA GEHT’S LANG Allgemeines: Offiziell ist der Mindelheimer Klettersteig nur mit der Schwierigkeit C bewertet. Dass er dennoch als anspruchsvoll gilt, liegt an seiner Länge. Richtig exponiert ist der Steig nur auf einzel - nen Passagen. Gleichwohl weist er eine Vielzahl von Steilabschnitten aufwärts wie abwärts auf. An heiklen Stellen findet sich aber immer ein Drahtseil, flankiert von Eisenklammern und -stiften sowie Leitern. Fotogen ist die legendäre Leiterbrücke mit ihrem Tiefblick. Zustieg: Von Schwendle bei Mittelberg durchs Wildental – vorbei an der Wiesalpe – bis zur Fluchtalpe aufsteigen. Hier geht’s links hinauf und immer in Sichtweite der Materialseilbahn bis zur Fiderepasshütte (Übernachtung und Einkehr). Es folgt ein kurzer Abstieg in eine Mulde, dann geht’s hinauf zur Fiderescharte, wo der Klettersteig beginnt. Mindelheimer Klettersteig: Schroff und steil präsentiert sich der Beginn. Das Stahlseil führt aber sicher über zwei Vertikalstufen. Recht

16

Mindelheimer Klettersteig

Klettersteigs. Vom Fuß dieser Leiter geht es über sonnige Grasmatten zum Kemptner Köpfle. Von dort hinab zur Kemptner Scharte folgen noch ein paar kurze Drahtseilpassagen, dann lockt auch schon die Mindelheimer Hütte mit Sonnenterrasse oder Stube zur Jause und Pause. Abstieg: Von der Mindelheimer Hütte bzw. der Kemptner Scharte wandert man über die Hintere Wildenalpe zur Fluchtalpe, wo sich der Kreis zur Aufstiegsroute schließt und es hinab nach Schwendle und Mittelberg geht. Der Weg zieht sich. Hinweis: Die Überschreitung der Schafalpenköpfe kann genauso gut in umgekehrter Richtung – also von der Kemptner zur Fiderescharte – begangen werden. Autorentipp: Weil die Tour vom Tal aus konditionell und zeitlich recht fordernd ist, empfiehlt es sich, sie zu teilen, z. B. mittels einer Übernachtung auf der Fiderepasshütte. Bei dieser Variante kann man im Zustieg dann den nahe gelegenen Zwei-Länder-Sportklettersteig (C/D und C) mit einbauen: Von Riezlern mit der Kanzelwandbahn zur Bergstation, von dort zum Einstieg. Vom Kanzelwandgipfel über die Kühgundalpe und das Warmatsgundtal hinüber zur Fiderepasshütte.

Gut zu wissen

SCHWIERIG (C) | 9 Std. | ↑↓ 1650 Hm | ←→ 17 km

CHARAKTER Schon der Klettersteig selbst zwischen Fide- rescharte und Kemptner Scharte ist lang. Mit dem Zustieg vom Tal wird das Ganze zum fordernden Tagesprogramm.

TALORT Mittelberg im Kleinwalsertal (1215 m)

AUSGANGS-/ENDPUNKT Schwendle/Bushaltestelle (1160 m)

EINKEHR/UNTERKUNFT Fiderepasshütte (2067 m; fiderepasshuette.de), Innere Wiesalpe (1300 m; wiesalpe.de), Mindelheimer Hütte (2013 m; mindelheimer-huette.de), Hintere Wildenalpe (1777 m), Fluchtalpe (1390 m; fluchtalpe-wildental.de) AN- UND ABREISE Mit der DB nach Oberstdorf im Allgäu und mit dem Walserbus (Linie 1) ins Kleinwalsertal, Um - stieg in Mittelberg in die Linie 4 des Walserbusses und zur Haltestelle Schwendle

h

Walser Hammerspitze 2170

Hoch- gehrenspitze 2253

Schwendle

ÖSTERREICH

flott ist dann der Gipfelbereich des Nördlichen Schafalpenkopfs erreicht, der in einigen Landkarten auch als Höchster Schafalpenkopf eingetragen ist. Entlang einer luftigen Wegführung über den Grat führt der Steig nun über viele durch Stahlseile und Tritthilfen gesicherte Passagen weiter gen Mittleren Schafalpenkopf. Der Brückenübergang auf dieser Passage wirkt von der Fiderepasshütte drunten ziemlich spektakulär, vor Ort merkt man aber, dass der Eisensteg leicht gang - bar ist. Weiter geht’s über Eisenbügel und an Drahtseilen entlang durch eine senkrechte Felswand, ehe sich der Steig wieder verein- facht. Es folgen abschüssige Felsplatten, senkrechte Wandstellen und luftige Gratabschnitte. Der grasige, flache Gipfelaufbau des Mittleren Schafalpenkopfs eignet sich dann gut zur wohlverdienten Pause. Auf dem Weiterweg zum südlichen Nachbarn lässt sich die herrliche Bergsicht in die Allgäuer Alpen ausgiebig genießen. Nach dem Süd­ lichen Schafalpenkopf führt der Weg über eine schroffe Grasflanke und eine Leiter, die die Kletterer tief nach unten bringt, zum Ende des

Fiderepasshütte

Untere Wiesalpe

2200

Fluchtalpe

Fiderescharte

Talstation Materialseilbahn Fiderepasshütte

Zwölfer 2224

Mittlerer Schafalpen-

Südlicher Schafalpenkopf 2272

Elfer 2387

kopf 2302

Mindelheimer Klettersteig

Liechelkopf 2384

Kemptner Kopf 2191

Mindelheimer Hütte

Angererkopf 2263

Talstation Materialseilbahn Mindelheimer Hütte

DEUTSCHLAND

N

 Tiefblick auf das Kleinwalsertal

500 m

0

 Unterm Kemptner Kopf ist der Mindel - heimer Klettersteig dann geschafft.

Mindelheimer Klettersteig

19

Vertikale Bergabenteuer Steil aufragende Felswände, atemberaubende Tiefblicke und das Gefühl, eins mit dem Berg zu sein – Kletter- steige sind die perfekte Mischung aus Abenteuer und alpinem Genuss. Lass dich inspirieren von der Vielfalt der Wege in den Alpen – von Österreich über Deutschland, Italien, die Schweiz und Frankreich bis nach Slowenien – und erlebe die Ursprünglichkeit der Natur von idyllischen Tälern bis hinauf zu den erhabensten Gipfeln. • Die schönsten Klettersteig-Abenteuer in den Alpen • Mit Routenbeschreibungen sowie Hintergrundwissen zu den Bergregionen, Bergtouren und Bergmenschen. Jede Tour mit ganz eigenem Charakter • Die perfekte Inspiration für alle Ferrata-Fans Entdecke die einzigartige Bergwelt und lass dich von ihrer Schönheit verzaubern!

9 783734 332951

Page 1 Page 2 Page 3 Page 4 Page 5 Page 6 Page 7 Page 8 Page 9 Page 10 Page 11 Page 12 Page 13 Page 14 Page 15

Made with FlippingBook flipbook maker