COLUMBUS Magazin 2021 Frühjahr

Goethes

geheimes Sizilien

A ls Johann Wolfgang von Goethe nach Italien auf- brach, war es alles andere als eine einfache Urlaubs- reise. Es war viel eher etwas, das wir derzeit alle gut nachvollziehen können, nämlich eine Flucht vor dem Alltagstrott. Als sich der Dichter am 3. September 1786 in die Postkutsche setzte, war es drei Uhr nachts. Er hatte die Reise im Geheimen geplant, verab- schiedete sich von niemandem und reiste eine Zeit lang sogar unter dem falschen Namen Johann Philipp Möller. Er wollte die Reise genießen, ohne jemandem dafür Re- chenschaft ablegen zu müssen. Zu Hause in Weimar hatte ihn die Arbeit als Minister völlig ausgelaugt, seine litera- rische Kreativität war blockiert. Der Dichterfürst unter- nahm diesen radikalen Tapetenwechsel, weil er nicht mehr dichten konnte. Von der reichen Kultur Italiens erhoffte er sich eine künstlerische Wiedergeburt. AUF SINNSUCHE Goethes Reise war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Allein die Schiffsreise von Neapel nach Sizilien war ein mutiges, nicht ungefährliches Unterfangen; für den damals 37-Jährigen stellte sie noch dazu die erste Seereise seines Lebens dar. „Hat man sich ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt“, schrieb er in sein Tagebuch. Zudem zählte Italien zu dieser Zeit noch nicht zu den Top-Destinationen, Bildungsreisen in den Sü- den endeten meist in Rom. Doch was Goethe suchte, war nicht das Italien der Maler Michelangelo oder da Vinci, er interessierte sich auch nicht für die Bauwerke der Renais- sance und des Barocks, die bis heute Millionen Touristen begeistern. Erst mit der imposanten, 30 n. Chr. erbauten Arena in Verona fand er, was er insgeheim suchte: Inkognito trat Johann Wolfgang von Goethe eine Reise nach Sizilien an, die sein Leben für immer veränderte. Eine Spurensuche.

COLUMBUS MAGAZIN 15

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