COLUMBUS Magazin 2022 Herbst

NACHHALTIGE HISTORIE

WIR FAIRREISEN: NACHHALTIGER TOURISMUS IM WANDEL DER ZEIT

GEBURT DES ÖKOTOURISMUS IN DEN 1990ERN: Mitten im Globalisierungsschub erkannte man, dass Umweltqualität auch Lebensquali- tät bedeutet und Urlauber saubere Strände, klare Gewässer und intakte Landschaften erwarten. Besonders in den Tropen bemerkte man einen Rückgang an Artenvielfalt und begann damit, erste Umweltverbände und international tätige Naturschutzorga- nisationen zu gründen – die Geburtsstunde des Ökotourismus. Durch die Suche nach nachhaltigen Nutzungsmöglichkeiten der Natur trägt er in vielen lateinamerikanischen sowie ost- und südafrikanischen Ländern bis heute erheblich zur Finanzierung von Schutzgebieten bei, ohne große Schäden zu verursachen.

ANFANG DES 20. JAHRHUNDERTS:

Das wohlhabende Bürgertum wollte weg aus der stickigen Stadt. Man ver- abschiedete sich einige Wochen in die Sommerfrische oder gönnte sich eine Kur. Die Demokratisierung des Reisens ab den 1950er-Jahren schritt rasant voran: Nun ging es mit dem PKW in Nachbarländer und schluss- endlich mit dem Flugzeug auf weit entfernte Kontinente, die erstmals als „Traumdestinationen“ bezeichnet wurden. Der Tourismus, der davor jahrzehntelang in den Kinderschuhen steckte, entwickelte sich zur neuen Industrie und zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig. DER SANFTE TOURISMUS DER 1980ER:

DIE UNBEQUEME WAHRHEIT DER 2000ER: Zur Jahrtausendwende machte der Film „Eine unbequeme Wahr- heit“ die breite Masse erstmals auf den Klimawandel aufmerksam. Dadurch aufgerüttelt, entwickel- te sich eine neue Bewegung von nachhaltigkeitsorientierten Tou- risten, die sogenannten LOHAS (Lifestyles of Health and Sustai- nability). Diese verzichten zwar nicht aufs Reisen, agieren dabei aber so achtsam wie möglich. Hotels werden nach Nachhaltig- keitskriterien ausgewählt, fremde Kulturen respektiert und ausge- stoßenes CO 2 online kompensiert. Wer kann, reist mit Zug oder Reisebus und bleibt länger. Der heutige Trend zum „Slow Travel- ling“ ist also der Grand Tour von damals nicht unähnlich, mit der die Geschichte des Tourismus vor über 300 Jahren begann.

ÖKOTOURISMUS IST VERANTWORTUNGSVOLLES REISEN IN NATURNAHE GEBIETE, WELCHES ZUM SCHUTZ DER UMWELT BEITRÄGT UND VON NUTZEN FÜR DIE BEVÖLKERUNG IST.

18. JAHRHUNDERT: Reisen ohne unmittelbare Notwendigkeit? Das war lange Zeit ein Privileg der gesellschaftlichen Oberschicht. Im 18. Jahrhundert kamen in Europa Bildungsreisen in Mode, auf denen junge Menschen Kunst und Kultur ande- rer Länder aufsogen und so ihren Horizont erweiterten. Einer der bekann- testen Teilnehmer dieser sogenannten „Grand Tours“ war Johann Wolfgang von Goethe, dessen Italienreise sich auf fast zwei Jahre ausdehnte. Mit der Industrialisierung suchten dann auch andere Bevölkerungsgruppen nach Erholung von den überfüllten Städten in der umliegenden Natur. 19. JAHRHUNDERT: Die österreichische Reiseschriftstellerin Ida Pfeiffer war in den 1840ern die erste Frau, die alleine die Welt bereiste. Ihre Erzählungen spiegeln den Zeit- geist wunderbar wider: Destinationen wurden immer exotischer, Reisen war abenteuerlich und beschwerlich, doch man nahm sich viel Zeit dafür. Wo- chenlang ging es per Orient-Express nach Istanbul oder mit dem Dampf- schiff nach Ägypten. Da die Natur dabei oft das Haupthindernis war, begann man bald mit Versuchen, sie zu zähmen. Organisationen wie Alpenverei- ne, die Naturfreunde oder der Sierra Club in den USA sahen als erste die Folgen dieser Luxusabenteuer und propagierten einen naturverbundenen Tourismus. Erstmals gründete man Nationalparks, die der breiten Masse die Schönheit der Natur näherbrachten, ohne diese zu gefährden.

„Reisen veredelt den Geist und räumt mit Vorurteilen auf“, stellte Oscar Wilde vor über 100 Jahren fest, als der Tou- rismus noch in den Kinder- schuhen steckte. Während der sogenannte Fremdenverkehr zum heutigen Massenphäno- men wurde, entwickelten sich auch passende Initiativen für Natur- und Umweltschutz. Eine kurze Rundreise durch die Geschichte des Tourismus.

„Touristen marschieren in bunten Hemden und Tennissocken, mit Sonnenbrille und Ka- mera vor dem Bauch durch die Gegend und fotografieren alles. Sie bewegen sich in Herden wie Schafe. Ohne Reiseleiter sind sie verloren.“ Kein charmantes Bild, das der Tourismus- forscher Jost Krippendorf da 1975 in seinem Text „Die Landschaftsfresser“ zeichnet. Er kritisierte darin erstmals die Auswirkung des Reisens auf die Umwelt. In den 80ern wurde das Urlauben zum trendigen Lifestyle; den angestaubten Begriff „Fremdenverkehr“ woll- te niemand mehr hören. Die vielen Menschen, die Bergregionen und Strände besuchten, machten sich durch Verschmutzung bemerkbar. Zukunftsforscher Robert Jungk schlug da- rum in seiner These einen „sanften Tourismus“ als Alternative zum „gewöhnlichen“ Reisen vor. Allerdings standen dabei Exklusivität und Authentizität im Vordergrund, nicht der Umweltschutz.

COLUMBUS MAGAZIN 17

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