INTER VIEW
■ Laut dem Reiseexperten wichtig, um Authentizität zu wahren: ein Guide, der in der Region verwurzelt ist und Reisenden seine Kultur näherbringt.
„WIR GEHEN NIE QUERFELDEIN, MITTEN DURCH DIE VEGETATION. SCHUTZZONEN MÜSSEN UNBEDINGT EINGEHALTEN WERDEN.“
COLUMBUS: APROPOS KULTUR: MAN KANN EUCH ALS REISEANBIETER GETROST ALS PIO - NIERE DES SOZIAL-NACHHALTIGEN TOURISMUS BEZEICHNEN. WAS MUSS MAN TUN, UM EINHEI - MISCHEN AUF AUGENHÖHE ZU BEGEGNEN? Die richtigen Reisegäste sind wichtig. Men- schen anzusprechen, die neugierig und of- fen sind und sich auf etwas einlassen. Eine zentrale Rolle spielt auch ein Guide, der die Gruppe an der Hand nimmt und sie in seine eigene Kultur führt. Nur jemand, der in der Region verwurzelt ist, kann diese Vermitt- lerrolle authentisch übernehmen. Jemand, der zum Beispiel „Stopp“ sagt, wenn man zu einer Zeit ein Dorf besuchen möchte, in der die Bewohner gerade am Feld arbeiten und keine Zeit für Begegnung haben. Wir haben Austauschprojekte, bei denen unsere Guides auch auf anderen Reisen mitfahren, wir Sprachausbildungen mit ihnen machen und vieles mehr. COLUMBUS: ALS WANDERER WILL MAN NATÜRLICH IMMER DIE UNBERÜHRTE NATUR ERFORSCHEN, ZERSTÖRT SIE DABEI ABER OFT UNGESEHEN. WIE SOLLTE MAN SICH AUF WAN - DERUNGEN AM BESTEN VERHALTEN? So etwas wie beschilderte Wanderwege sind ja eher ein mitteleuropäisches Phänomen. Wenn wir in Nepal oder Jordanien unterwegs sind, gibt es solche Wegweiser nirgendwo. Wir wandern daher von Dorf zu Dorf oder auf Hirtenwegen, auf dem Verkehrsnetz aus der Zeit, als es noch keine Autos gab. Auf diesen ursprünglichen Strecken atmet man somit gleich ein bisschen Geschichte. Wir gehen nie querfeldein, mitten durch die Ve- getation. Schutzzonen müssen unbedingt eingehalten und umgangen werden, schon allein wegen der Wildtiere. Man muss auch differenzieren, wo man sich gerade befin- det. Durch das Velebit-Gebirge in Kroatien wandern beispielsweise eine Handvoll Leute pro Tag. Da stellen kleine Wandergruppen nicht so einen großen Störfaktor dar wie die Massen in manchen alpinen Orten in Öster- reich. An Hotspots braucht man eine kluge Besucherlenkung, wie es zum Beispiel in Nationalparks der Fall ist.
INFOS ZUR PERSON CHRISTIAN HLADE
COLUMBUS: DAS WORT „OVERTOURISM“ IST MITTLERWEILE EIN BEKANNTER BEGRIFF. GIBT ES ZIELE, DIE NICHT MEHR IM REISEPORTFOLIO SIND, WEIL OHNEHIN SCHON ZU VIELE MEN - SCHEN DORTHIN REISEN? Ja, zum Beispiel der Inka-Trail nach Machu Picchu. Wobei: Man kann solche Orte ja auch nie ganz ausschließen. Denn, ehrlich gesagt, man will weltbekannte Sehenswürdigkeiten, die man früher in den Schulbüchern bewun- dert hat, einfach selbst sehen. Wir müssen natürlich an Dingen andocken, die die Leu- te sehen wollen – und sie dann mit weniger bekannten vermischen. Hotspots wie Machu Picchu beispielsweise zu anderen Uhrzei- ten ansteuern, wenn die Tagestouristen be- reits weg sind, oder vor Ort in einer lokalen Unterkunft übernachten. Ich war kürzlich in Bosnien, dort könnte man Tourismusein- nahmen dringend brauchen. Du fährst da direkt aus dem Stau der Urlaubswelle Rich- tung Kroatien raus, zweigst ab und bist bei- nahe der einzige Tourist weit und breit. Split oder Dubrovnik dagegen werden überrannt, weil sie ständig beworben werden. Aber auch Bosnien oder Bulgarien haben wahnsinnig schöne Landschaften. Gut gemachte Touris- muskonzepte könnten in solchen Ländern sehr viel bewirken. COLUMBUS: WIE KANN MAN MIT DEM BE - REISEN VON FERNZIELEN WIE MADAGASKAR, NEPAL ODER VIETNAM UMGEHEN, DIE DURCH LANGSTRECKENFLÜGE VIEL CO 2 AUSSTOSSEN? Wir haben zwar bereits die Möglichkeit, die Flüge bei der Buchung zu kompensieren – Gäste haben aber zu wenig Bezug dazu. Das
ist recht anonym, da passiert irgendwas, ir- gendwo. Wir wollten daher etwas Eigenes starten, das unsere Leute dann auch selbst sehen können. Daher haben wir gerade be- gonnen, ein Klimaschutzprojekt in Marok- ko zu starten: Es wird eine große Photovol- taikanlage, die dort das Bildungszentrum und die Schulküche mit grünem Strom speist. Prinzipiell gilt auch die Faustregel: Je weiter die Destination entfernt ist, umso länger sollte man dort auch bleiben. COLUMBUS: WIE KANN MAN DEN GRÖSSTEN MEHRWERT AUS SOLCHEN REISEN ZIEHEN? Gut vorbereitet sein, länger unterwegs sein, innehalten und es wirklich genießen. Reisen sollen einen bleibenden positiven Eindruck hinterlassen – bei uns selbst, aber auch vor Ort. Das Motto sollte lauten: weniger Rei- sen, dafür länger und qualitätsvoller. COLUMBUS: HAST DU NOCH TIPPS FÜR DESTI - NATIONEN, IN DENEN NACHHALTIGKEIT UND TOURISMUS GUT ZUSAMMENSPIELEN? In Nepal gibt es tolle Dorfentwicklungs- projekte. Auch unsere Marokkoreisen sind beispielhaft in Sachen nachhaltiger Einkommensgenerierung. Aber natürlich funktioniert es auch in vielen europäischen Ländern sehr gut. Polen haben nicht viele auf dem Schirm, dabei gibt es dort wirklich total schöne Quartiere und viele Natur- schutzzonen. Das Land war bislang viel- leicht kein sexy Reiseziel, aber es spricht sich langsam herum, dass man dort sehr schöne Reisen im Einklang mit der Natur machen kann.
Seit seiner ersten Wanderreise durch Nepal ist Christian Hlade von Wanderreisen begeistert. Im Jahr 2000 gründete er in Graz aus seiner Leidenschaft heraus das Unternehmen Weltweitwandern.
Leuten anbieten, die ich dort kennengelernt habe. Es standen von Anfang an alle Dimen- sionen der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt: die ökologische, die wirtschaftliche und die soziale. Und: Dass man Wandern geht, nicht wegen der Leistung, sondern um etwas zu er- leben und mit anderen Kulturen in Kontakt zu kommen, das war damals ebenfalls neu. COLUMBUS: STICHWORT WANDERN – WARUM IST GERADE DAS EINE GUTE METHODE, UM ANDERE KULTUREN KENNENZULERNEN? Eine reine Kulturreise spielt sich oft nur im Kopf ab. Jahreszahlen, Museen, Geschichte. Wandern hingegen geht durch den ganzen Körper. Man geht miteinander, beobachtet und kocht abends gemeinsam im Zeltlager. Bewegt man sich zu Fuß durch ein Land, pas- siert ganz viel nonverbale Kommunikation.
■ Als junger Student startete Christian Hlade seine ersten nachhaltigen Reisen. Heute gilt er mit seinem Unternehmen als Pionier dafür.
COLUMBUS MAGAZIN 35
Made with FlippingBook flipbook maker