COLUMBUS Magazin 2022 Herbst

OCEAN CLEANUP

■ Was tun mit dem ganzen Plastik aus dem Meer? Boyan Slat hat sich dazu mehr als nur Gedanken gemacht – und fertigt jetzt hochwertige Sonnenbrillen aus dem Kunststoff. Die Kollektion ist fast immer ausverkauft.

die er mittels Studie und Umweltverträglichkeitsprü- fung bestätigen ließ: Der Großteil des Plastikmülls schwimmt an der Meeresoberfläche in maximal drei Metern Tiefe. Man braucht für einen effektiven „Staub- sauger“ daher keinen Tiefgang und kann so Beifang von Meerestieren verhindern. Die geringe Geschwin- digkeit, die für das System von „The Ocean Cleanup“ ausreicht, ermöglicht es den Lebewesen zudem, den Barrieren zu entkommen. PLASTIKWELT Wie wichtig Boyan Slats Arbeit ist, verdeutlichen di- verse alarmierende Zahlen. Pro Jahr landen acht Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer, wobei es bis zu vierhundert Jahre dauert, bis sich dieser im Was- ser zersetzt. Jährlich verenden Millionen von Tieren daran, indem sie ihn fressen, sich darin verfangen. Die kleinsten Kunststoffteilchen, das sogenannte Mi- kroplastik, wurde bereits in über 100 Meerestierarten nachgewiesen. Befindet sich Mikroplastik erst einmal in der Nahrungskette, landet es auch auf den Tellern von uns Menschen. Es gibt bereits erste Hinweise, dass ein Großteil von uns Mikroplastik im Blut hat. Ein Ende der Plastifizierung unserer Ozeane ist je- denfalls nicht in Sicht: Die Produktion von Plastik hat sich in der jüngeren Vergangenheit sogar vervielfacht; in den letzten zwanzig Jahren hat die Menschheit mehr davon produziert als im vorigen Jahrhundert insge- samt. Auch Boyan Slat war schnell bewusst, dass in ab- sehbarer Zeit nicht mit einem Rückgang des Problems zu rechnen ist. Im Gegenteil. SAUBERMANN Der heute 28-Jährige hat es sich zum Ziel gemacht, die (theoretische) Zeitspanne, die es dauert, die Ozeane plastikfrei zu bekommen, von einigen Jahrhunderten auf einige Jahre zu reduzieren. Sein Studium der Luft-und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität seiner Heimatstadt Delft hatte Boyan Slat nach seinem Schulab- schluss schnell ad acta gelegt, um sich gänzlich „The Oce-

an Cleanup“ widmen zu können. Und er lässt sich auch von Rückschlägen nicht beirren. 2018, vier Jahre nach dem Crowdfun- ding-Erfolg für sein Projekt, konnte Slat das „System 001“ im Pazifik vor San Francisco in Betrieb nehmen, ein 600 Meter langes, u-för- miges Röhrensystem mit einer Unterwasser- barriere, das die Plastikteile einfangen sollte. Nach nur zwei Monaten musste „The Ocean Cleanup“ den Erstversuch jedoch bereits ab- brechen. Die Anordnung funktioniere nicht wie erhofft, wurde erklärt, zudem gab es ei- nen Defekt am Rohrsystem. Im darauffolgenden Jahr war es jedoch so weit: Eine kleinere Version des ersten Systems namens 001/B konnte wie geplant Plastik- müll einsammeln – und dieser wurde prompt wiederverwertet. „The Ocean Cleanup“ ließ aus dem gefischten Plastik Sonnenbrillen her- stellen, deren Verkaufserlös selbstverständlich wieder in die Weiterfinanzierung des Projekts floss. SAMMELLEIDENSCHAFT Denn dass Boyan Slat weitermacht, ist eben- so klar wie sein Wunsch nach Perfektion. Mit Juli 2021 startete er bereits das System 002 mit einer Länge von 800 Metern, intern kurz „Jen- ny“ genannt, vor der kanadischen Küste. Und auch sie sammelt. Und sammelt. In rund drei Monaten konnte Jenny fast 30 Millionen Ton- nen Plastikmüll aus dem Meer holen. „Das

BIS 2040 SOLLEN 90 % PLASTIK AUS DEM MEER GEFISCHT SEIN – EIN AMBITIONIERTES ZIEL.

Sonnenbrillen kaufen oder einfach spenden Die Sonnenbrillen der Organisation „The Ocean Cleanup“ von Boyan Slat kann man online jederzeit bestellen. Aber: Sie sind fast immer vergriffen. Wer dem jungen Helden den- noch helfen möchte, kann aber jederzeit spenden. theoceancleanup.com SIE WOLLEN BOYAN SLAT HELFEN?

ist zwar nur die Spitze des Eisbergs“, erklärte Slat nach dem erfolgreichen Abschluss der Aktion, „diese Menge an Plastik ist jedoch die wichtigste, die wir je gesammelt haben, weil sie beweist, dass saubere Meere möglich sind. Wir müssen noch viel ausbügeln, wissen aber, dass wir mit einer kleinen Flotte dieses Sys- tems den Cleanup schaffen.“ Diese Flotte will Boyan Slat mit dem wie- derum weiterentwickelten System 03 mit ei- ner Länge von 2,5 Kilometern verwirklichen und bis 2040 mit „The Ocean Cleanup“ 90 % des Plastiks aus dem Meer gefischt haben. Ein ambitioniertes Ziel – doch bei dem, was der Niederländer in seinen jungen Jahren bereits verwirklicht hat, mag man glauben (und hoffen), dass er es tatsächlich schafft. Und wer weiß? Vielleicht kehrt er ja dann an jenen griechischen Urlaubsort des Jahres 2011 zurück, der sein Leben einst verändert hat, um einen neuerlichen Tauchgang durch- zuführen. In einem plastikfreien Meer.

■ Mit seinem neuesten System, liebevoll „Jenny“ genannt, fischte Boyan Slat in rund drei Monaten 30 Millionen Tonnen Plastikmüll aus dem Meer. Klingt viel, ist aber nur die Spitze des Eisbergs.

COLUMBUS MAGAZIN 49

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