COLUMBUS Magazin 2024 Herbst

INTER VIEW

Der erste originale Goiserer-Schuh entstand Aufzeichnungen zufolge im Jahr 1875. Damals schon wurde er mit seiner typischen Zwienaht handvernäht. Eine Tradition, die Philipp Schwarz heute fortführt.

Im Kurort Bad Goisern inmitten der UNESCO-Welterberegion Hallstatt-Dachstein/ Salzkammergut arbeitet man daran, altes Handwerk zu bewahren.

„In einen neuen Schuh muss man hineinschlüpfen und dann in sich gehen und spüren. Das braucht einfach Zeit.“

IST DAS SCHUHMACHERHANDWERK EIN AUSSTER- BENDER BERUF IN UNSERER SCHNELLLEBIGEN WELT? Im Bundesland Oberösterreich bin ich der- zeit der einzige meiner Art. Der Beruf ist also de  nitiv bedroht. Deshalb arbeite ich mit Schulen zusammen, nehme an regiona- len Projekten teil, um mein Handwerk wei- terzugeben. Ich habe immer wieder Bewer- bungen aus dem Ausland, viele aus Deutsch- land oder Holland. Ich versuche außerdem, o  ener zu sein als einige meiner älteren Kollegen. Es nutzt nichts, wenn man seine Geheimnisse für sich behält. Ich will schließ- lich, dass das Goiserer-Handwerk weiterlebt. Meine eigenen kleinen Betriebsgeheimnisse habe ich aber dennoch … DIE LIEBSTE STRECKE, DIE SIE JEMALS ZU FUSS ZU- RÜCKGELEGT HABEN – SOFERN DAS KEINES IHRER GEHEIMNISSE IST? Die Antwort auf diese Frage fällt mir tatsäch- lich leicht: Die wichtigsten Schritte meines Lebens waren die paar Meter zum Traualtar, als ich meine Frau geheiratet habe.

Tag tragen. Damit kann die Feuchtigkeit entweichen, man strapaziert ihn nicht so sehr, und das Schuhklima kann sich wieder regulieren. Ein p  anzlich gegerbter Volllederschuh in Kombination mit Socken aus Naturmaterial ist das Beste, was man machen kann. Falls man keinen Platz im Gepäck für einen Schuhspreitzer hat, würde ich sie über Nacht mit Zeitungspapier füllen, um Feuchtigkeit schneller aufzusaugen. SO MANCHER SCHUH SIEHT JA DIE GANZE WELT. HABEN SIE KUNDEN, DIE SIE AN IHREN REISEABEN- TEUERN TEILNEHMEN LIESSEN? Ich weiß von einigen, dass sie den Jakobsweg in meinen Schuhen bestritten haben. Ein Kunde wanderte außerdem von Österreich in die Schweiz, alles zu Fuß. Er ging mit sei- nen alten los, nahm aber gleich ein neues Paar zum Wechseln mit. Und gegen Ende des Weges schickte er mir dann ein Foto von sich vor einem wunderschönen Bergsee, das neue Paar an den Füßen, und das alte hielt er sym- bolisch übers Wasser, als würde er es gleich reinwerfen. Hat er natürlich nicht gemacht, aber es war ein Bild, das mich zum Lächeln brachte und mir noch gut in Erinnerung ist.

VOR DER REISE KOMMT DIE ANPROBE. WANN MERKT MAN, OB DER SCHUH DRÜCKT? Das Geheimnis ist, sich genügend Zeit zu nehmen. Neues Schuhwerk zu kaufen, ist keine schnelle Aktion. Man muss rein- schlüpfen und dann in sich reinhören und spüren. Wenn ich am Wochenende eine Weitwanderung mache, kann ich mir nicht erst donnerstags neue Schuhe kaufen. Schuh und Fuß müssen sich aneinander gewöhnen. Gute handgemachte Schuhe können auch immer ein wenig gedehnt oder stärker aus- gebeult werden. Man sollte außerdem gleich die Socken zum Kauf mitnehmen, die man auch tatsächlich trägt. HABEN SIE SPEZIELLE EMPFEHLUNGEN FÜR REISEN- DE, DIE LANGE STRECKEN ZU FUSS ZURÜCKLEGEN WOLLEN? Ein guter Schuh ist unumgänglich. Aber den sollte man idealerweise nur jeden zweiten

Ich wollte etwas mit meinen eigenen Händen scha  en. Nach zwei Wochen Schnuppern bei meinem Goiserer-Vorgänger stand dann schnell fest: Es sind keine spätjugendlichen Flausen, ich wollte dieses alte Handwerk wirk- lich erlernen und hauptberu  ich ausüben. KÖNNEN SIE UNS EINE GESCHICHTE AUS IHREM ALLTAG ALS SCHUHMACHERMEISTER ERZÄHLEN, DIE BESONDERS IN ERINNERUNG BLIEB? Nach den langen Lockdown-Phasen ging ich mitsamt der Familie im Ort wieder einmal essen. Als wir da so saßen, kam ein alter Goi- serer zu uns an den Tisch, klop  e mir auf die Schulter und sagte: „Da schau her, des is’ un- ser Schuster.“ Das war für mich ein unfass- bar wertschätzendes Erlebnis, ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, sogar an die Musik. Da habe ich gespürt, dass ich mit meiner Berufung ein wichtiger Teil der Gemeinscha  bin.

www.dergoiserer.at

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