COLUMBUS Magazin 2025 Herbst

KANADA VANCOUVER ISLAND

BIG LONELY DOUG UND SEIN RETTER

„Big-Tree-Hunter“ und Mitbegründer der Organisation Ancient Forest Alliance (AFA), entdeckte den Baum auf einem abgelegenen Forstweg nahe Port Renfrew. Nach exakter Vermessung und mehrmaliger – und sicher spektakulärer – Besteigung des Kolosses, ging die Meldung durch die Welt: „Der be- deutendste Baumfund seit Jahrzehnten!“ Big Lonely Doug war plötzlich nicht mehr nur ein überlebensgroßer Baum, sondern ein Symbol. Port Renfrew, einst ein Holzfällerstädtchen, wurde zu „Canada’s Tall Tree Capital“ und die AFA rettete nahe gelegene Waldstücke wie den Avatar Grove, ein 40 Hektar großes Areal voller alter Douglasien und Rotzedern. Altbe- stände wie der pazi ! sche Regenwald hier auf Vancouver Island sind ein komplexes Ökosys- tem. Hier steht nicht nur ein märchenha " er Hain aus Riesen, sondern auch ein perfekt funktionierendes Gefüge aus P # anzen, Pil- zen, unsichtbaren Netzwerken, Insekten und Tieren. „Wir denken immer, dass nur lebende Wälder gesund sind. Dabei sind tote Bäume extrem wichtig“, sagt Watt. „Sie speichern Wasser, was wichtig ist bei Waldbränden. Sie absorbieren und speichern Kohlensto $ . Die- ser Waldboden ist kein Friedhof, sondern ein ewiger, perfekter Kreislauf. Hier muss man nicht aufräumen wie im eigenen Wohnzim- mer. Der Wald ist Komposthaufen, Lu " reini- ger und Klimaanlage in einem.“ DAS ÖKOSYSTEM ALS WIRTSCHAFTSMOTOR Watt, der sich mit Funktelefon, Kameras und 26-Kilo-Rucksack auf Expeditionen durch die unwegsamsten Ecken Vancouver Islands begibt, kämp " gegen die Zeit. GPS-gesteu- ert sucht er nach unentdeckten Baumriesen, fotogra ! ert, dokumentiert, verö $ entlicht. Sei- ne Bilder – darunter die berühmte Aufnahme von Doug inmitten des Kahlschlags – schaf- fen Bewusstsein und sogar konkrete Verände- rungen. Watt möchte Entscheidungstre $ ern

Was wie das Ende aussah, wurde zum Anfang: ein über tausend Jahre alter Riese, ein Mann mit Kamera – und der Anfang eines neuen Bewusstseins. Die Geschichte von Big Lonely Doug, Kanadas riesigem Ho ! nungsträger.

TJ Watts Arbeit geht über Fotografie hinaus: Er kämpft für den Schutz der letzten alten Wälder und dokumentiert ihre Schönheit, bevor sie verschwinden.

LUST AUF KANADA BEKOMMEN?

der kanadischen Regierung klarmachen: Ab- holzung bringt zwar kurzfristig Gewinn – ein einziger Mammutbaum bedeutet Exportholz im Wert von Zehntausenden Dollar –, aber auch Verlust. „Wenn man einen Urwaldriesen fällt, erhält man eine einmalige Auszahlung“, sagt Watt. „Aber ein lebender Baum kann der Region dauerha " Einkommen bringen.“ Der ökonomische Wandel in Port Renfrew beweist das. Der erfolgreiche Ökotourismus kooperiert mit indigenen Gemeinden, ohne dabei die Realität der Menschen vor Ort zu ig- norieren. „Wenn wir zusammenarbeiten und kreativ sind, pro ! tiert jeder“, so Watt. „Die- se Ökosysteme sind einzigartig auf der Welt. Wir stehen in der P # icht, sie zu erhalten, für uns und kommende Generationen.“ Watts großer Traum? Sich unter einem der Riesen zurückzulehnen, im Wissen, dass sie alle endlich sicher sind. Bis es soweit ist, kämp " der Big Tree Hunter aber weiterhin, mit seiner Kamera und einer großen Portion Enthusiasmus. Und Big Lonely Doug? Der steht immer noch da. Ein stummer Wächter und vielleicht auch Ho $ nungsträger. Denn er ist der Beweis, dass ein einzelner Baum mehr verändern kann, als man denkt.

NATUR PUR IN KANADA Vancouver Island verbindet Küsten, Regenwald und Ge- birge. Hier " ndet man uralte Bäume, die seit Jahrhunder- ten bestehen, und eine Natur, die ihresgleichen sucht. Big Lonely Doug, der bekannteste Baumriese der Insel, bildet dabei nicht nur das Wahr- zeichen der Insel, sondern vor allem ein Symbol für den Erhalt dieser jahrhunderte- alten Wälder. HOTELTIPP: WOHNEN, WO DIE BÄUME WACHSEN Abtauchen in kanadischen Wäldern? Kein Problem! Hier sorgen das „Wild Renfrew Resort“ sowie die zugehörige „Coastal Kitchen“ für das leib- liche Wohl der Gäste – gemüt- lich und mitten im Grünen. Authentischer lässt sich der Besuch von Kanadas berühm- tester Douglasie wohl kaum abrunden.

Big Lonely Doug, eine der höchsten Douglasien der Welt, ist nicht nur Symbol der Zerstörung, sondern auch der Hoffnung. Dank Menschen wie TJ Watt, der den Riesen hier gerade erklimmt.

B ig Lonely Doug ist einsam. Hoch auf einer Lichtung, umgeben von Baum- stümpfen, steht die riesige Douglasie da wie ein Mahnmal. Etwa 70 Me- ter hoch, der Stamm so groß wie ein Wohnzimmer. Man schätzt sein Alter auf 750 bis 1.200 Jahre. Dass Doug hier immer noch steht, verdankt er einem Holzfäller, der den Riesen im Jahr 2012 als einzigen in der un- mittelbaren Umgebung leben ließ. Über 90 % der alten Douglasien im kanadischen British Columbia hatten kein solches Glück: Sie ! elen der Holzindustrie zum Opfer. Warum Holzfäl- ler Dennis Cronin Doug verschonte, ist nicht überliefert. Es war zumindest keine Frage des

Arbeitsaufwands, denn während es hunderte Jahre dauert, bis ein Baum solche Ausmaße er- reicht, braucht ein Pro ! mit einer Kettensäge gerade einmal zehn Minuten, um sie zu Fall zu bringen. Heute hält Big Lonely Doug im- mer noch Stellung und ist ein Symbol für die schwindenden Urwälder British Columbias und den anhaltenden Kampf um ihre Rettung. PROTEST MIT KAMERA Was als stille Entscheidung eines Holzfällers begann, wurde zur Ikone eines sich wan- delnden Umweltbewusstseins – nicht zuletzt durch die Kamera eines Mannes: TJ Watt. Der Fotograf, Umweltschützer, selbsternannte

UNSERE EXPERTIN

Leonie Luksch

leonie.luksch@columbus.at 0732/77 47 44

Ein Umfang von zehn Metern ist keine Seltenheit unter den alten Riesen von Vancouver Island. Unter ihren dicken Wurzeln: ein unglaublich reiches Ökosystem.

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