COLUMBUS Magazin 2025 Herbst

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Christine Mohr hat sich im Rahmen ihres Forschungsprojekts (siehe Infokasten) intensiv mit Schleiereulen befasst und viel über sie ge- lernt: „Aufgrund der Verletzungsgefahr – insbesondere für die Tiere selbst – ist es ratsam, für Begutachtungen bestimmte Vögel an den Beinen festzuhalten. Danach können sie unversehrt weiterfliegen.“

Es gibt vieles auf dieser Welt, das wir als „Wunder“ bezeichnen. So viele Orte, Lebewesen und Phänomene, die eine ganz besondere Faszination ausüben – und darüber hinaus vieles abseits von Naturwundern, an das zahlreiche Menschen glauben. Über die Hintergründe dieser Faszination am Unerklärlichen haben wir mit der Expertin Christine Mohr gesprochen. DIE MACHT DER WUNDER

E r ist schon sehr vielseitig, dieser Be- gri ! „Wunder“. Religiöse Menschen bezeichnen damit etwas Göttliches, Eltern sehen es in ihren Kindern, für Sportbegeisterte kann es ein überra- schender Sieg des Lieblingsteams sein. Auch sogenannte Wunder der Natur haben viele von uns bereits bestaunt – wobei sich die Fra- ge aufdrängt: Was ist eigentlich ein „Wunder“? Worin liegt seine Anziehungskra " begründet, ja, seine Macht, die es auf Menschen ausübt? Gemeinsam mit Christine Mohr wollen wir darauf Antworten # nden. Die Professorin für Kognitive Psychologie an der Univer- sität Lausanne beschä " igt sich seit Jahren mit dem Glauben an das Übernatürliche. WAS VERSTEHEN MENSCHEN AUS IHRER WISSEN- SCHAFTLICHEN SICHT ALS WUNDER? „Wunder“ ist ein sehr breiter Begri ! , daher muss man verschiedene Ebenen unterschei- den. Gehe ich – wissenscha " lich gesehen – von dem intimen, persönlichen Erleben von Glauben aus, sind wir bei der Spiritualität, die eigentlich immer eine a ! ektive Komponente hat. Denn es geht bei dieser Ebene unter an- derem um die Suche nach Wert und Sinn des Lebens. Sie steht im Gegensatz zur kulturellen Ebene des Glaubens, die durch unsere Ge- wohnheiten, unsere soziale Zugehörigkeit ge- geben ist. Generell erklärt der englische Aus- druck „awe“ das Erleben von Wunder ganz gut. Im Deutschen könnten wir es als Ehr- furcht oder Demut bezeichnen. Das beginnt bei Religion und geht über Kunst und Kultur,

also Gemälde, Skulpturen, Architektur oder musikalische Darbietungen, bis hin zu Na- turphänomenen: Berge, Ozeane, Stürme oder Sternenhimmel. Und es umfasst Momente der Verbundenheit mit anderen Menschen, de- ren Schöpfungen – oder eben mit der Natur. RELIGION, KULTUR, NATUREMPFINDEN … WAS VERBINDET DIE „WUNDER“ DIESER VERSCHIEDENEN BEREICHE? Das Emotionale. Das Gefühl, dass etwas größer ist als man selbst. Die Entstehung der Idee, dass es Götter gibt, kann ja durch- aus mit Naturerlebnissen zu tun haben, die so überwältigend waren, dass man sie sich nicht anders erklären konnte. So unerklär- lich, dass man Erklärungsmodelle kreierte. Ein gewaltiger Sturm, der sich vor dir auf- baut. Ein Tsunami, bei dem das Wasser zuerst von allein zurückgeht. Wer weiß, vielleicht geht das geteilte Meer in der Bibel auf einen Tsunami zurück? Und es war nicht nur frü- her so, auch heute noch wird man beim An- blick einer derartigen Naturgewalt demütig. Aber es ist egal, ob es Naturereignisse sind, die Schönheit der Biologie oder eine geniale Opernau ! ührung, bei der man am liebsten vor lauter Ehrfurcht losheulen würde: Man hat ein Gefühl, dass das Erlebte über alles hinausgeht, was man leicht erklären könnte. WENN WIR EHRFURCHT EMPFINDEN, IST DAS ALSO ETWAS SEHR INDIVIDUELLES? Ja. Ob ein spirituelles Erlebnis, Ehrfurcht, oder Demut: Der Moment des Erlebens ist

Christine Mohr

wuchs am Bodensee auf, wo sie an der Univer- sität Konstanz auch ihr Studium der Psycholo- gie absolvierte. Seit 2010 ist sie Professorin für Kognitive Psychologie an der Universität Lau- sanne, nachdem sie ihr Doktorat an der Uni- versität Zürich absolviert hatte und danach am Universitätsspital Genf und an der Universität Bristol tätig war. Christine Mohrs Forschung konzentriert sich unter anderem auf den menschlichen (Aber-) Glauben. Eines ihrer angewandten Projekte stellt dabei die Schleiereule in den Fokus, die in vielen Kulturkreisen gefürchtet, gehasst oder

sogar getötet wird. Der weitverbreitete Aber- glaube besagt, dass die Präsenz des Vogels Tod und Unglück ankündigt. Dieses irrationale Denken verhindert, dass die Schleiereule z. B. im Nahen Osten zur Bekämpfung von Nage- tieren eingesetzt wird; stattdessen wird Gi ! verstreut. Christine Mohr leistete als Teil eines internationalen Teams Au " lärungsarbeit, um die Nagetierpopulationen durch den na- türlichen Feind zu regulieren. So konnte man Landwirte in Israel, im Westjordanland und Jordanien davon überzeugen, die Vermehrung von Schleiereulen durch Nistkästen anzuregen.

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