■ Wie gut sich ihre Stadt ohne Massen anfühlt, haben die Venezianer im Lockdown erlebt. Und daran Gefallen gefunden. Mit digitalen Tools will man nun dem Massentourismus entgegenwirken.
INFOS ZUR PERSON ANJA KIRIG
ALLE SPRECHEN VON EINEM REISEHUNGER. GIBT ES DIESEN WIRKLICH ODER IST ER EINE ART MEDIALE INSZENIERUNG? Ich denke, dass sicher viele sehr große Sehnsucht nach einem Tapetenwechsel ha- ben. Ich glaube auch, dass das für uns Men- schen schon recht wichtig ist. Einfach zwi- schendurch woanders sein. Inspirationen zu bekommen, auf andere Gedanken zu kommen. Ich glaube, das ist etwas, das uns Menschen ausmacht. Auf gewisse Weise sind wir nach wie vor Nomaden, die Orts- wechsel brauchen, um sich auszutauschen und neue Ideen zu haben. Andererseits ist es natürlich auch so, dass wir während der Pandemie festgestellt haben, dass sich viele Reisen auch erübrigen. Nicht jede Ge- schäftsreise macht auch Sinn, das wissen wir nun. Meine Prognose ist, dass der sich der Radius der sogenannten „kleinen Aus- zeit“ verringern wird. Man fährt also für kurze Urlaube weniger weit weg. Gleich- zeitig aber werden längere Aufenthalte be- wusst in die echte Ferne führen. Diese Rei- sen müssen Antworten auf solche Fragen bieten: Welche Erfahrungen kann ich dort sammeln? Welche Art der Transformation ist möglich? Das werden dann sogar länge- re Reisen und Aufenthalte sein. Solche, die vielleicht mit der Arbeit kombiniert wer- den. Auch das ermöglicht vielen Berufs- gruppen die Digitalisierung, dass man die Arbeit mitnehmen kann. UND DANN AM ENDE MEHR VON DER REISE HAT ALS BLOSS ERHOLUNG? Definitiv, genau darum geht es.
fahren, wo gerade Massen unterwegs sind. So kann man eher einen alternativen Ort finden, an dem man mit höherer Wahrscheinlichkeit Resonanzerfahrungen machen kann. Hier wird es für alle Beteiligten positive Effekte geben. ABER WAS HEISST DAS FÜR REISEVERANSTAL- TER, DIE HIER SOZUSAGEN ZWISCHEN DRINNEN STEHEN? Ich glaube, dass sich hier für Reiseveran- stalter viele neue Möglichkeiten auftun. Es werden sich etwa gänzlich neue Kooperati- onsmöglichkeiten mit Orten bieten, die bis- her auf der Reise-Landkarte eher unterreprä- sentiert waren. Ich meine, das Reisen bleibt etwas, das Menschen beschäftigen wird. Man wird als Reiseveranstalter neue Orte und Ge- genden entdecken und so auch neue Angebo- te machen können. DIESE ÜBERLEGUNGEN GEHEN SO WEIT, DASS EXPERTEN BEREITS DAVON SPRECHEN, STÄDTE WIE VENEDIG NACHZUBAUEN, UM DAS ORI- GINAL ZU SCHÜTZEN. MACHT DAS WIRKLICH SINN? Ich kann es mir aktuell schwer vorstellen. Gerade aus der Perspektive des Resonanz- tourismus passt das gar nicht zusammen. Wie soll eine künstliche Stadt einen Nachhall in einem Reisenden auslösen? Gerade solche Orte leben schließlich von verschiedenen Faktoren: von den Leuten und ihrer Mentali- tät vor Ort. Von der alten Architektur. Von der Atmosphäre. Da sind schließlich ganz viele Aspekte dabei, die man nicht einfach nachbauen kann.
Seit 2005 freiberuf- lich als Zukunfts- und Trendforscherin tätig und eng mit dem Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien verbunden. Sie arbeitet mit der Methodik der Megatrends und den sich daraus ableiten- den soziokulturellen Entwicklungen.
COLUMBUS MAGAZIN 27
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